Der Präsident des Verbandes der Schweizer Uhrenindustrie, Jean-Daniel Pasche, bringt im Interview mit der Schweizer Tageszeitung „Le Temps“ zum Ausdruck, dass der Erfolg der Smartwatch die Schweizer Uhrenindustrie nicht völlig unberührt lassen sollte.

Jean-Daniel Pasche, erläutert die am vergangenen Dienstag veröffentlichten Statistiken des Schweizer Zoll zu den Uhrenexporten im April 2018 und bringt zum Ausdruck: „Insbesondere die seit 2015 rückläufige Entwicklung im Einstiegssegment beunruhigt mich, denn die Schweizer Uhrenindustrie muss in allen Segmenten präsent bleiben“.

Von der Erholung am Gesamtmarkt bei Uhren profitiert das Eintiegssegment bislang nur wenig. Die Exporte von Schweizer Einstiegsuhren (< 200 CHF, Exportpreis, entspricht etwa < 500 Franken Publikumspreis) weisen im Vergleich zu den anderen Preissegmenten ein klares Wachstumsdefizit auf. Als die Zahlen aus dem April 2018 veröffentlicht wurden, konnte ein Anstieg der weltweiten Exporte um knapp 14% gegenüber dem Vorjahresmonat berichtet werden. Im Einstiegsmarkt war der Anstieg jedoch nur halb so hoch. Ganze 7,9% nach vielen aufeinander folgenden Monaten des steten Rückgangs.

Der Smartwatch-Effekt? Jean-Daniel Pasche, Präsident des Uhrmacherverbandes, scheint davon noch immer nicht ganz überzeugt zu sein.

2015 war das denkwürdige Jahr in dem die erste erntzunehmende Connected Watch erschien, die Apple Watch der ersten Generation. Von diesem Moment an sind die Exporte von Schweizer Einstiegsuhren (bis zu einem Publikumspreis von 500 Franken) rückläufig. Sehen Sie hier einen kausalen Zusammenhang?

2015 prophezeiten noch viele, dass die Smartwatch das Ende der Schweizer Uhrenindustrie einläuten würde. Auf unserer Seite haben wir versucht, realistisch und gelassen zu bleiben, und wir wagten zu sagen, dass die klassische Uhrenindustrie sehr wohl eine Zukunft haben würde, weil smarte Uhren Produkte sind, die sich von traditionellen Schweizer Uhren deutlich unterscheiden. Zu dieser Zeit wurden wir für diese Position heftig kritisiert. Heute ist das Gegenteil der Fall: Manchmal bekommen wir sogar zu hören, dass Smartwatches nicht mehr wirklich diskutiert werden oder dass die Schweizer Uhrenindustrie über Bord gegangen sei; davon kann wirklich nicht mehr die Rede sein. Wir, bei der Schweizer Uhrenföderation vertreten ebenfalls diese Auffassung: Es handelt sich um zwei völlig unterschiedliche Produkte und Märkte, die sich auch unterschiedlich entwickeln.

Die Verkäufe von Smartwatches schießen nach oben, Quartal für Quartal … Letztes jahr waren es bereits 60 Millionen; allein 18 Millionen davon reklamiert die Apple Watch für sich. Sie können den Einfluss auf den Verkauf von Schweizer Uhren doch nicht bestreiten, oder?

Es ist in der Tat ein Markt, den wir nicht mehr ignorieren können. Aber die Beziehung zwischen diesem und unserem Markt ist nicht unmittelbar. Dies gilt umso mehr, als wir diese 60 Millionen Smartwatches nicht mit den 25 Millionen Schweizer Uhren, die 2017 exportiert werden, vergleichen dürfen, sondern mit den Milliarden an Uhren, die letztes Jahr weltweit verkauft wurden. Wenn es tatsächlich diesen Angriff von smarten Uhren auf traditionelle Uhren geben sollte, dann hätten doch chinesische Uhren – durchschnittlicher Exportpreis: 4 Dollar – viel mehr darunter leiden müssen als Schweizer Uhren mit einem durchschnittlichen Exportpreis von 827 Dollar. Und gerade dieses Phänomen beobachten wir nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich sage nicht, dass es keine Auswirkungen gibt, aber smarte Uhren sind nur ein Faktor von mehreren, welche den Schweizer Uhrenexport beeinflussen können.

An was denken Sie hierbei insbesondere?

Beispielsweise der starke Franken, die Weltwirtschaft, der Terrorismus in Europa, die chinesische Antikorruptionspolitik und weitere Punkte. Konkurrenz kommt aber auch von anderen Produkten, wie einer Geldbörse, oder einer Flasche Parfüm. Oder auch ausländische Marken, zum Beispiel skandinavisch oder amerikanisch.

Gut, aber stellen wir uns einen Kunden vor, der vor dem Kauf einer Uhr von Mondaine oder einer Apple Watch mehr zögert als zwischen einer Mondaine und einer Handtasche. Oder ein neues Smartphone …

Sicher nicht, wenn wir nur auf den Preis sehen. Oder wenn wir uns als alleiniges Kriterium die Anzeige der Zeit vorstellen – ein modernes Smartphone zeigt die aktuelle Uhrzeit ebenso an, wie eine Uhr …

Betrachtet man aber den anhaltenden Rückgang der Exporte von Einstiegsuhren, fragt man sich natürlich schon, ob die Schweizer Uhrenindustrie mittelfristig nur noch Luxusuhren produzieren kann.

Es ist wahr, dass sich das Einstiegsniveau weniger schnell erholt als der Rest der Branche, und das bereitet mir Sorgen. Die Schweizer Uhrenindustrie muss in allen Preissegmenten präsent sein, es gilt, die globale Führungsposition zu behalten. Sowohl die Stückzahlen als auch die Einstiegsebene als solche schaffen Arbeitsplätze und generieren Innovationen. Das ist wichtig für Lieferanten, Subunternehmer und die Entwicklung neuer Technologien und gibt Antworten auf künftige industrielle Herausforderungen.

Die Schweizer Uhrenindustrie hat 2017 ziemlich genau 15 Millionen Schweizer Uhren zu einem Publikumspreis von unter 500 Franken exportiert. Die Marke Swatch reklamiert laut Schätzungen zwischen 8 und 10 Millionen davon für sich. Wenn wir die anderen Marken der Swatch Group (Tissot, Hamilton, Calvin Klein usw.) hinzufügen, erkennen wir, dass dieses erste Segment nahezu ausschließlich von der Uhrengruppe aus Biel bedient wird. Macht Ihnen dieses Monopol nicht auch Sorgen?

Es ist wahr, dass die Swatch Group in diesem Segment einen wichtigen Platz einnimmt. Aber es gibt auch stets Plätze für neue Marktteilnehmer.

Aber sind die denn auch daran interessiert? Der Wettbewerber Richemont, der gerade die neue Einstiegsmarke, „Baume“, ins Leben gerufen hat, hat sich entschieden, diese Uhren nicht als „Swiss Made“ zu vermarkten.

Es ist bedauerlich, dass einige Anbieter dieses wertvolle Label aufgeben, aber ich muss mich nicht dazu äußern, welche Entscheidungen einzelne Marken oder Gruppen treffen. Unsere Aufgabe ist es, „Swiss Made“ zu schützen und zu unterstützen, welches auf den Weltmärkten weiterhin eine hohe Strahlkraft hat. Eine Studie der Universität St. Gallen belegt auch, dass es eine Reihe von Uhrenmarken auf der Welt gibt, die ihre Produkte gerne mit einem Bild vom Matterhorn oder vom Großen St. Bernhard inszenieren, mit der Schweiz selbst aber nichts zu tun haben.

Laut Nick Hayek sind Schweizer Marken außerhalb der Swatch Group nicht mehr am Einstieg in das untere Segment interessiert, da die Margen zu gering sind. Ganz zu schweigen davon, dass die jüngste Stärkung der „Swiss Made“ Vorgaben sie weiter in die Defensive gedrängt hat. Ist das auch Ihre Meinung?

Zunächst einmal muss gesagt werden, dass wir mit der Einführung der neuen „Swiss Made“ Regeln Pech hatten. Diese fand mitten in der Krise des hochbewerteten Schweizer Franken statt. Viele Marken mussten sich entscheiden: Geben sie die Investitionen frei, die nötig waren, um weiterhin bei „Swiss Made“, auch nach Verschärfung der Regeln, zu bleiben oder nicht. Die Mehrheit entschied sich dafür, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, was manchmal aufwendig und kostspielig war. Andere haben sich entschieden, nur bestimmte Teile ihres Produktportfolios für die neuen „Swiss Made“ Regeln zu befähigen, und dann gab es solche, die uns klar sagten, dass sie an „Swiss Made“ kein Interesse mehr hätten.

Was tut sich bei der „Swiss Made“-Zertifizierung für smarte Uhren?

Falls für diese Art von Produkten Klärungsbedarf besteht, sehen wir uns den jeweiligen Einzelfall an und entscheiden dann von Fall zu Fall. Man muss letztlich sehr genau verstehen, welche Komponente in der Uhr was macht.

Die neue Definition von „Swiss Made“ bedarf bei intelligenten Uhren einer erhöhten Aufmerksamkeit, insbesondere hinsichtlich der Rolle, die die Software dabei spielt. Ist das nicht alles etwas diffus und wie gehen Sie damit um?

Nein, das ist völlig normal. Wenn neue Gesetze oder Verordnungen in Kraft treten, ist während einer Übergangszeit immer eine gewisse Unklarheit vorhanden. Selbst bei traditionellen Uhren suchen die Hersteller den Kontakt mit uns, weil die Entscheidung, ob die Vorgaben der neuen „Swiss Made“ Regelungen erfüllt sind, im Einzelfall komplex sein kann.

Die Schweizer Uhrenexporte erholen sich weiter und sind im April 2018 um fast 14% gestiegen

In der Tat, die Exporte im April erholen sich sehr deutlich. Die Lieferungen ins Ausland nahmen gegenüber dem Vorjahr um 13,8% auf 1,76 Milliarden Franken zu. In den ersten vier Monaten des Jahres kletterten sie um 11% auf 6,74 Milliarden. Nach einer vorübergehenden  Beruhigung im März (+4,8%) ist das Wachstum für die Schweizer Uhrenindustrie im April wieder deutlich angestiegen. Das besagen die aktuell vorliegenden Zahlen.

Hong Kong, der führende Absatzmarkt für Schweizer Uhren, verzeichnet seit nahezu einem Jahr ein stetes und ununterbrochenes Wachstum. Mit CHF 259,5 Millionen, und einem fulminanten Plus von 43,4% gegenüber April 2017, verzeichnen die Uhrenlieferungen an die ehemalige britische Kolonie den größten Zuwachs in den letzten sechs Jahren.

Auch der Markt in den Vereinigten Staaten springt wieder an und entwickelt sich mit einem Plus von 12,8% auf 175,7 Millionen Franken. Der Anstieg in China (+ 11% auf 138,8 Mio.) bleibt, wenn auch leicht abgeschwächt, auf einem sehr hohen Niveau. Die Erholung in Japan (+ 9,1%) setzt nun ebenfalls ein, und selbst die langanhaltende Baisse in Deutschland scheint überwunden zu sein; ein Plus von 12,8% setzt ein sehr vielversprechendes Signal ab.  Allein im Vereinigten Königreich verläuft die Entwicklung mit einem Minus von 14,7% gegen den allgemeinen Trend und setzt die seit 3 Monaten andauernde Negativentwicklung fort.

 

Das Interview mit Jean-Daniel Pasche führte Valère Gogniat von der Schweizer Tageszeitung „Le Temps“. Die Übersetzung vom Französischen ins Deutsche erfolgte durch das Deutsche Uhrenportal.

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