Das Deutsche Uhrenportal besucht von Zeit zu Zeit Uhrenhersteller in Deutschland, in der Schweiz oder auch Frankreich. Wir wechseln dabei bewusst ab, zwischen kleinen, manchmal sogar sehr kleinen Herstellern und größeren, bis hin zu den ganz großen und bedeutsamen Anbietern der Szene.

Dieses Mal führte uns der Weg zu TAG Heuer ins Schweizerische La Chaux de-Fonds.

Fährt man als Besucher von Le Locle kommend durch La Chaux de-Fonds, so begegnen einem viele renommierte Namen aber auch weniger bekannte oder gar unbekannte Namen. Bei den bekannten handelt es sich zumeist um die Hersteller der Uhren selbst, die als Markenname einen hohen Bekanntheitsgrad besitzen, die weniger bekannten sind hingegen zumeist spezialisierte Zulieferer für die zahlreichen Komponenten, die für die Herstellung einer Uhr benötigt werden.

Zwar gibt es in der Schweiz Uhrenhersteller, die eine hohe bis sehr hohe vertikale Integration aufweisen und so in der Lage sind, viele Komponenten und Teile im eigenen Haus herzustellen, andere wiederum kaufen bei den zahlreichen Lieferanten Teile oder ganze Baugruppen zu und wieder andere bieten einen Mix an; manches wird zugekauft, anderes selbst gefertigt.

In diese Kategorie von Uhrenherstellern wollen wir – wie der weitere Blick hinter die Kulissen zeigt – TAG Heuer zuordnen, wobei die Fertigungstiefe bei TAG Heuer je nach Modell und Preisklasse stark schwankt. Bei günstigeren Modellen werden die Uhrwerke zugekauft, bei den teuren finden eigene Manufakturkaliber Verwendung.

Was macht TAG Heuer nun aus? Eine Firma, die viel von sich reden macht. Eine Firma, die in der Vergangenheit schon so manch turbulente Zeit zu überstehen hatte. Aber auch eine Firma, die durch den Spirit ihres umtriebigen CEO´s, Jean-Claude Biver, wieder regelrecht wachgeküsst wurde und voller Dynamik die Unwägbarkeiten der Gegenwart erfolgreich meistert.

Das Unternehmen wurde 1860 von Edouard Heuer in Saint-Imier gegründet. In der über 150-jährigen Geschichte gelang den Uhrmachern und Technikern des Unternehmens eine Reihe wegweisender Erfindungen.

Einige Beispiele hierfür

  • Erstes Patent für einen Stoppuhrmechanismus (1882)
  • Erster Hundertstelsekunden-Chronograph, genannt Mikrograph (1916)
  • In Kooperation mit Breitling und Dubois-Depraz, gelingt es Heuer am 03. März 1969 das automatische Chronographenwerk mit Mikrorotor zu lancieren, das Calibre 11. Es ist damit neben Zenith und Seiko das weltweit dritte automatische Chronographenwerk zu dieser Zeit
  • Erster Quarzchronograph mit Analoganzeige (1983)
  • Erstes mechanisches Uhrwerk mit Riemenantrieb, linearer Schwungmasse und Keramiklagern (2004)
  • Erster mechanischer Armband-Chronograph mit einer Messgenauigkeit von Einhundertstelsekunde (2005)

 

 

Edouard Heuer stellte seine Chronographen erstmals 1889 auf der Pariser Weltausstellung aus. Über vier Generationen wurde die Firma von Familienmitgliedern geführt, zuletzt von 1961 bis 1982 von Jack Heuer. Er führte die Firma nicht nur als Unternehmer, sondern wirkte bei der Gestaltung neuer Uhren auch stets aktiv mit, wie dies z.B. beim berühmten Modell „Carrera“ oder auch der legendären „Autavia“ der Fall war.

 

 

Nach dem Zusammenschluss mit der TAG-Gruppe (Techniques d’Avant Garde) im Jahr 1985 wurde die Firma in TAG Heuer umbenannt. Im Herbst 1996 wurde das Unternehmen an die Börse gebracht. Im Jahr 1999 übernahm schließlich der französische Luxusgüter-Konzern Louis Vuitton Moët Hennessy S. A. (LVMH) das Unternehmen.

 

 

Von 1992 bis einschließlich 2003 stellte TAG Heuer auch die Zeitmessgeräte für die Formel 1 zur Verfügung.

Aus dieser Zeit ist TAG Heuer dem Rennsport auch heute noch eng verbunden und widmet das ein oder andere Sondermodell nicht nur dem Formel 1 Rennstall, sondern pflegt auch enge Kontakte zu zahlreichen Persönlichkeiten, wie beispielsweise dem erfolgreichen Rennfahrer und Schauspieler Patrick Dempsey. Aber auch dem Fussball sieht sich TAG Heuer eng verbunden und hat beispielsweise Mats Hummels von Bayern München als Markenbotschafter unter Vertrag.

 

Mats Hummels (li.) zu Besuch bei TAG Heuer mit Jean-Claude Biver (re.)

Die Zentrale von TAG Heuer ist in La Chaux de-Fonds in einem modernen industriellen Zweckbau untergebracht. Im Erdgeschoss, gleich neben dem Empfang, findet sich das sehr sehenswerte Museum, welches die Geschichte der über 150 Jahre alten Firma nachzeichnet.

 

 

Wir begeben uns nach einem Rundgang rasch in das erste Obergeschoss und beginnen mit dem Besuch in der Konstruktionsabteilung. Wie nicht anders zu erwarten, hat dort die Digitalisierung in vollem Umfang Einzug gehalten. Alle neuen Modelle werden mit Unterstützung leistungsfähiger Computer und modernster 3D-CAD-Software entwickelt und konstruiert.

 

 

Mittels dieser 3D-Daten können dann unmittelbar erste Anschauungsmuster im 3D-Druck hergestellt werden.

 

Hochleistungs-3D-Drucker

 

Erstes Handmuster aus dem 3D-Druck

 

Diese sind natürlich nicht funktionstüchtig, geben aber die Außengeometrie der Uhr bereits perfekt wieder, so dass eine erste Beurteilung hinsichtlich Design, Handhabung und Ergonomie sehr schnell möglich ist.

 

Funktionsfähiger Prototyp

 

Wurden alle Änderungsschleifen positiv abgeschlossen, geht es in der Prototypenbau. Dort findet sich an Geräten und Maschinen nahezu alle, was benötigt wird, um einen oder mehrere funktionsfähige Prototypen herzustellen.

 

Mehrachsen CNC-Bearbeitungszentren

Mehrachsen-CNC-Fräsmaschinen stehen genauso zur Verfügung, wie rund um die Uhr laufende Drahterodiermaschinen, die mit höchster Genauigkeit im Bereich von tausendstel Millimeter Teile aus Vollmaterial mittels Funkenerosion herausschneiden.

 

Hochpräzise Drahterodiermaschine

Es sind aber auch sämtliche Fertigungsschritte aus dem Finish-Bereich anzutreffen, wozu beispielsweise das Schleifen und Polieren von Oberflächen gehört.

 

Beispiele für Gehäuseteile, welche im Prototypenbau angefertigt werden können

 

Die Uhrwerke für preiswerte Modelle werden von externen Lieferanten bezogen, die eigenen Manufakturkaliber entstehen im TAG Heuer Werk in Chevenez, eine gute Autostunde von La Chaux de-Fonds entfernt. Der Zusammenbau und die Endmontage der Uhr erfolgt dann aber für alle Modelle in La Chaux de-Fonds.

 

Die angelieferten, vormontierten Uhrwerke, bereit zum Aufsetzen von Zifferblatt und Zeiger

Selbst die vollelektronische Variante, die TAG Heuer Connected entsteht voll und ganz im Stammwerk in La Chaux de-Fonds, so dass sich die aktuelle Ausführung mit dem begehrten „Swiss Made“ Label schmücken darf.

 

Ein kurzer Blick auf die Montagelinie der TAG Heuer Connected

Sehen wir uns die Serienfertigung einiger gängiger Modell näher an und betreten die große Montagehalle, so spüren wir schnell, dass hier alles wie am berühmten Schnürchen läuft. Mittels einer ausgeklügelten Logistik wird jeder Arbeitsplatz mit den benötigten Teilen versorgt.

 

Ein Blick in die Fertigungshalle für die Endmontage der Uhren

Ein spannender Montageprozess nach dem Aufbringen des Zifferblattes auf das Uhrwerk ist stets das Setzen der Zeiger. Nur bei den Prototypen oder ausgesprochenen Kleinserien erfolgt dies bei TAG Heuer manuell, in der Serienfertigung kommen hingegen moderne Zeigersetzautomaten zum Einsatz, die mit ihrer Präzision stets für eine gleichbleibend hohe Genauigkeit sorgen.

 

Automatisches Setzen der Zeiger

 

Vormontierte, mit Zifferblatt und Zeiger bestückte Uhrwerke, bereit zum Einschalen

Das Einschalen der vormontierten und mit Zifferblatt und Zeiger versehenen Uhrwerke ins Gehäuse erfolgt in gewohnter Weise manuell.

 

 

Mit viele Routine und ruhiger Hand wird vor dem Einsetzen in das Gehäuse der Rotor für den automatischen Aufzug aufgesetzt und mit dem Uhrwerk verschraubt

 

Sollte es nach genauer Sichtkontrolle hin und wieder erforderlich werden, das Gehäuse einer Uhr optisch nochmals nachzuarbeiten, so sind auch hierfür spezielle Arbeitsplätze eingerichtet.

 

Ein in der Endkontrolle „auffälliges“ Gehäuse wird einer optischen Nachbearbeitung unterzogen

 

Fertig montierte und geprüfte Uhr. Lediglich das Armband ist noch zu montieren

 

Nun ist TAG Heuer nicht nur dafür bekannt, sportliche Uhren für den Alltagsgebrauch in großer Stückzahl herzustellen, nein, TAG Heuer hat auch ein spezielles Atelier, in dem Uhren höchster Komplikation entwickelt und gefertigt werden. Der Schwerpunkt liegt dabei weniger auf Komplikationen, welche die Vielfalt unterschiedlicher Anzeigen betreffen, sondern vielmehr solche, welche einen besonderen technischen Aspekt mitbringen, sprich sich in der Technik des Uhrwerks widerspiegeln.

 

Montageatelier für komplizierte Uhren

Wir besuchen das kleine, von der Großserienfertigung völlig getrennte Uhrenatelier, in dem bei TAG Heuer die komplizierten Uhren entstehen. Hier ist höchste Konzentration und absolute Ruhe angesagt. Wo in der Großserienfertigung eine große Arbeitsteiligkeit vorherrscht, sind hier auf technische Finessen spezialisierte und erfahrene Meisteruhrmacher am Werk.

 

 

Und TAG Heuer hat auf diesem Gebiet in der Tat einiges zu bieten; nicht nur das Tourbillon, in Form der Carrera Heuer 02T, welches auf dem Markt, wegen seines vergleichsweise günstigen Preises, für Unruhe gesorgt hat.

 

Vormontage des Tourbillons für die Carrera Heuer 02T

 

Der Tourbillonkäfig im Detail

 

Die TAG Heuer Carrera mit Manufakturkaliber Heuer 02T. Das „T“ steht für Tourbillon.

TAG Heuer zeigt auch mit dem Modell Carrera Mikropendulum S, dass man sich in Sachen Zeitmessung die Butter nicht so leicht vom Brot nehmen lässt.

 

TAG Heuer Carrera Mikropendulum S mit zwei unabhängig voneinander arbeitenden Magnetpendel-Hemmungen

 

Die Carrera Mikropendulum S verfügt über zwei patentierte Magnetpendel-Hemmungen, die noch dazu als Tourbillons ausgeführt sind: eines für die Zeitmessung, mit 12 Hertz (86400 A/h), und eines für den Chronographen, sogar mit unglaublichen 50 Hertz getaktet.

 

 

Das ist High Tech vom Allerfeinsten.

Ein ebenso unkonventionelles wie beeindruckendes Modell ist die Monaco V4. Ein Uhrwerk mit automatischem Aufzug, aber ohne Rotor und ohne Schwungmasse!

 

Die legendäre TAG Heuer Monaco V4

 

Beim Sondermodell Monaco V4 Phantom bestehen Gehäuse und Uhrwerkbrücken aus Karbonfaser

 

Stattdessen gleitet ein 12 Gramm schwerer Wolfram-Barren auf den nach eigenen Angaben kleinsten Kugellagern der Welt. Dieses weißglänzende Stück Schwermetall gibt seine Bewegungsenergie an zwei im Winkel von +/- 13 Grad angeordnete Federhäuser ab.

 

Die limitierte Platinum Edition

 

Ein Getriebesystem verwandelt die Kraft in eine Drehbewegung, die mittels lediglich 0,07 mm dicker Zahnriemen die Uhr antreibt. Die Zahnriemen sind damit etwa so dünn, wie ein menschliches Haar.

 

Die TAG Heuer Monaco V4 Platinum Edition am Handgelenk

Nach diesem überaus beeindruckenden Besuch und Rundgang bie TAG Heuer nehmen wir eine Vielzahl unterschiedlichster Eindrücken mit.

TAG Heuer ist nicht nur die Marke, die hinter bekannten Uhrenmodellen wie Carrera, Monaco oder Autavia steht, nein TAG Heuer lebt seinen Markennamen tatsächlich auch als Technique d´Avantgarde. Sei es auf dem Gebiet der Mikromechanik mit schnellschwingenden, hochpräzisen Antrieben, oder mit Uhrwerken, die völlig von der Norm abweichen und mehr an den Motor eines Autos erinnern, denn an eine Uhrwerk, welches die Zeit anzeigen soll.

Zu guter letzt hat das Unternehmen aber auch viel Mut bewiesen, sich sehr frühzeitig mit der rein elektronischen Variante, den sogenannten Connected Watches auseinanderzusetzen.

 

 

Dem Kunden kann es nur recht sein; eine hohe Vielfalt und eine solch diversifizierte Kompetenz, in jeder Preisklasse etwas Hochwertiges und Außergewöhnliches anbieten zu können, verdient unseren Respekt.

 

Der Autor:

Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als freier Journalist und Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor für hochwertige Uhren und neue Technologien.

 

LINKS:

 

 

 

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