Yvan Arpa hat für den südkoreanischen Elektronik-Multi Samsung die Galaxy Gear S3 entworfen, eine smarte und schöne Uhr, die das Licht der Welt bereits anlässlich der Internationalen Funkausstellung (IFA) 2016 in Berlin erblicken durfte. Eine Plattform, die die weltgrößten IT-Konzerne gerne zum Show-Down ihrer neuesten Produkte nutzen.

Nun ist Samsung auch in Basel angekommen, vermutlich nicht zuletzt deshalb wurde Yvan Arpa vom renommierten Online Uhren-Journal Hodinkee als „der wohl interessanteste Mann der Welt“ bezeichnet.

Yvan Arpa war aber nicht nur auf der Pressekonferenz von Samsung präsent, die bezeichnenderweise von Anish Bhatt, dem Gründer von Watch Anish, moderiert wurde, sondern war auch mit einem eigenen Stand bei Les Ateliers in Halle 1.2 vertreten. Am Stand seiner kleinen aber feinen und vor allem unabhängigen Eigenmarke ArtYA, die er 2009 gegründet hat, gaben sich nun die Besucher die Klinke in die Hand. Ein Treffen und ein Interview reihte sich ans nächste. Yvan Arpa empfing seine Gesprächspartner dabei sehr entspannt, und bei bester Laune. Er hält nicht viel vom pompösen Auftritt vieler Luxusmarken.

Yvan Arpa ist Quereinsteiger und Tausendsassa zugleich. Und er weiß sehr genau, dass die meisten Medienschaffenden nicht zu Besuch kamen, um primär über seine letzten Kreationen zu sprechen, sondern das Fell juckte die Besucher an anderer Stelle. Mehrheitlich wollten sie wissen, wie es zur Zusammenarbeit mit Samsung kam und was die Motivation wohl dazu war.

 

 

Yvan Arpa ist anders als die meisten in der Branche. Der zunächst eher unscheinbar wirkende Designer hat Dinge erlebt und gemacht, wovon andere nicht einmal sprechen, bestenfalls träumen.

Seine Karriere begann er zunächst mit einer Professur für Mathematik, bis es ihn schließlich nach Thailand zog, um dort die kunstvollen Kampfsportarten zu erlernen. Dann machte er sich auf den Weg nach Papua-Neuguinea und durchquerte diesen Inselstaat zu Fuß.

Zurückgekehrt in seine Schweizer Heimat trat er 1997 in die Dienste der Groupe Richemont und arbeitete für Baume&Mercier als Geschäftsführer der Schweiz und Verkaufsdirektor für Europa und Asien.

2002 wechselte er als Managing Director zu Hublot und zeichnete dort maßgeblich für die Einführung des Erfolgsmodells Big Bang verantwortlich.

2006 kam er dann als CEO zu Romain Jerome. Dort kreierte er skurrile Uhren, die beispielsweise aus dem verrostetem Stahl der Titanic gefertigt waren oder echten Mondstaub enthielten.

Im Jahr 2009 gründete Yvan Arpa dann schließlich seine eigene Firma namens Luxury Artpieces. Unter dem Label ArtyA (Art of Yvan Arpa) setzt er fort, was er zuvor begonnen hatte: Uhren mit phantasievollen Designs und zum Teil skurrilen Ausprägungen zu schaffen.

 

 

So verwendet er nicht alltägliche Stoffe, um seinen Uhren die nötige Ausdruckskraft zu verleihen. Seien es echte Schmetterlingsflügel auf dem Zifferblatt, versteinerter Kot von Dinosauriern, Spinnen und Tabakblätter bis hin zu im Gehäuse eingesetzter scharfer Munition oder gar Blut auf dem Zifferblatt.

 

 

Mittlerweile hat ArtyA sechs Produktlinien im Programm.

 

 

In der neusten Version handelt es sich dabei um zwei scharfe sechs Millimeter-Patronen. Vor Explosionsgefahr schützt ein speziell gehärtetes Kunststoffgehäuse. Das mit grober Naht eingefasste Armband aus Krokodilleder nimmt sich da schon fast langweilig aus.

 

 

Seine Kunden sind denn auch nicht minder außergewöhnlich. Arnold Schwarzenegger oder Wladimir Putin zählen beispielsweise dazu. Aber auch Vin Diesel und Mike Tyson wähnt das Haus zu seinen Freunden und Kunden.

 

 

Und nun auch Samsung. Yvan Arpa arbeitet seit rund 3 Jahren für den südkoreanischen Elektronik-Riesen, der bei Smartphones die unangefochtene Nummer Eins auf dem Weltmarkt ist und, mit einem Umsatz von rund 230 Mrd. US$, die gesamte Schweizer Uhrenindustrie mit einem Federstrich unter seine Kontrolle bringen könnte. Da wirkt das arrogante Gehabe so manches Ausstellers in Basel oder auf der Wettbewerbsausstellung in Genf mittlerweile doch ziemlich seltsam und wenig zeitgemäß.

 

 

Deutlich weniger beachtet – aber ebenfalls mit klarer Botschaft – hatte sich dann noch Intel in Halle 2.0 mit einem nicht zu übersehenden Stand unter die Aussteller gemischt. Auch dieser Konzern zählt mit rund 50 Mrd. US$ Jahresumsatz zu den ganz Großen auf dem Weltmarkt. Dagegen relativiert sich die Größe von Unternehmen wie der Swatchgroup oder Rolex. Das gilt im Übrigen auch für die Groupe Richemont, die traditionell ihren eigenen Weg geht und auf der SIHH ihr Schaulaufen mit großer Sause abhält.

Aber Arpa ist anders als der Mainstream der Branche. Er tritt unauffällig, ja geradezu bescheiden auf und versteht sein Handwerk wie kaum ein anderer, schließlich war er schon im Dienste verschiedener Luxuslabels. Und genau wegen dieser bunten und ungewöhnlichen Vita engagierte ihn Samsung und übertrug Yvan Arpa die Aufgabe, das Design für die neue Gear S3 zu entwickeln.

 


Im Bild:
Pressekonferenz bei Samsung; von links: Anish Bhatt (Watch Anish), Younghee Lee (Executive Vice President of Global Marketing, Samsung Electronics), Arik Levy (Design-Studio in Paris), Yvan Arpa (Design-Studio in Genf)

Für Yvan Arpa war die Zielsetzung des Auftrages klar: Es sollte die erste in großen Stückzahlen produzierte Smartwatch werden, die kompromisslos den Vorgaben der Jahrhunderte alten Uhrmacherkunst folgt. Diese Uhr von Samsung soll die traditionelle Uhrmacherkunst in die Zukunft katapultieren. Yvan Arpa sieht sich dabei als Verbindungsglied zwischen Tradition und Moderne, ließ er die Journalisten auf der perfekt inszenierten Pressekonferenz von Samsung wissen.

“Die Präsenz von Samsung auf der Baselworld ist ein Beweis für die fortwährende Verschmelzung der Technikwelt mit der Uhrmacherkunst. Samsung verpflichtet sich dabei, die hohe Kunst des Uhrmacherhandwerks in all seiner Vielfalt weiter voranzutreiben und gleichzeitig das Erbe und die Evolution der Branche fortzuführen“, so das klare Statement von Yvan Arpa.

Wer den heute 53-Jährigen deswegen als „Hooligan“ der Uhrenbranche bezeichnet, wie die Uhren-Journaille dies gelegentlich tut, liegt völlig daneben und gibt lediglich seine überholte und antiquierte Denkweise zu Protokoll.

Die smarten Uhren entwickeln sich mehr und mehr zu einem Teil des gesamten Kuchens, ohne dass dieser in Summe jedoch weiter anwachsen würde. Ob den Damen und Herren des Uhren-Genres das gefällt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Viele junge Menschen tragen heute keine Uhr mehr und zeigen bislang auch wenig Motivation, diese Haltung auf Sicht zu ändern. Dagegen hilft auch die (geplante) Flucht so manches Ausstellers von Basel nach Genf nicht weiter.

 

 

Und wer glaubt, die derzeit stagnierenden Verkäufe bei den smarten Uhren würden deren vorzeitiges Ende einläuten, irrt gewaltig. Die asiatischen Megakonzerne haben einen unglaublich langen Atem und gehen äußerst überlegt, strategisch und sehr langfristig vor. Vorübergehende Rückschläge und Negativeffekte sind Bestandteil des Kalküls und werden bewusst in Kauf genommen.

Bereits heute und künftig noch viel stärker wird es um reine Verteilungs- und Verdrängungswettbewerbe gehen. Jene, die nicht rechtzeitig umsatteln und das neue Spiel mitspielen, werden das Nachsehen haben. Die unflexiblen, immer noch überwiegend mit der Pflege ihrer Selbstherrlichkeit beschäftigten Uhren- und Luxusgüterkonzerne werden dabei fraglos das Nachsehen haben. Beispiele aus der jüngeren Vergangeheit gibt es dazu bereits mehr als genug.

 

 

Seit den Jahren der Finanzkrise hatten die Financiers der Uhrenindustrie nur ein Ziel vor Augen: Grell aufleuchtende Dollarzeichen, geknüpft an eine schamlose Profitmaximierung, mit jährlichen Preissteigerungen von 8 – 10%. Dieses Spiel ist nun zu Ende. Die Generation Y hat viel weniger als noch ihre Väter das Bedürfnis, ihren Status mittels einer teuren Uhr zur Schau zu stellen.

 

 

Der berühmte Satz: „Hast Du mit 50 noch keine Rolex am Handgelenk, hast Du versagt und es im Leben zu nichts gebracht“, ist überholt.

 


Im Bild:
ArtyA kann nicht nur Uhren, sondern auch Motorbikes veredeln

Selbst den Chinesen ist nicht nur wegen der strengen Antikorruptionsgesetze die Lust daran vergangen. Die neue Mitte hat rasch dazugelernt und kauft zwar wieder, aber gut informiert und preisbewusster denn je. „Value for Money“ lautet jetzt die Devise. Das Geld sich einfach aus der Tasche ziehen lassen, war gestern. Und genau diese neue Lücke füllt Samsung mit bodenständigem und klarem Auftritt, ganz ohne Party und lautem Getöse. Für die nötige Publicity sorgt schließlich Watch Anish.

 

 

Das alles gehört eben auch zur Welt von morgen und der kreative Kopf Yvan Arpa hat das längst erkannt.

 

Der Autor:
Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor für hochwertige Uhren und neue Technologien.

 

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