Oder anders ausgedrückt: Hochmut kommt vor dem Fall.

Was für den Fußball und die Politik gilt, trifft auch auf die Wirtschaft zu. Ob es sich um den Absturz der Bayer Aktie handelt, weil sich der Herr an der Spitze vor lauter Selbstüberschätzung und Größenwahn verzockt hat, oder ob es sich um Messegesellschaften handelt, die den Zug der Zeit verpasst haben und nun sehenden Auges in den Abgrund fahren.

Das prominenteste und gleichzeitig aktuellste Beispiel: Die CeBit.

Einst das Aushängeschild der IT-Branche mit zeitweise mehr als 800.000 Besuchern wurde nicht wegen eines nicht mehr gefragten Produktes zum Auslaufmodell – ganz im Gegenteil – sondern wegen Unfähigkeit und Misswirtschaft auf höchstem Niveau.

 

 

Arroganz war noch nie ein guter Ratgeber. Aber so wurde bis zum Abgang von Sylvie Ritter auch die Baselworld gemanaged und um die erlauchte und abgehobene SIHH ist es auch nicht viel besser bestellt. Nachdem jetzt nicht nur die Swatch Group der Baselworld die Rücklichter zeigt, sondern Audemars Piguet und Richard Mille gegenüber dem SIHH die rote Karte zücken, müsste wohl dem letzten Zweifler und Befürworter dieser angestaubten Art, der Welt die neuesten Schöpfungen aus dem Reich der feinen Uhren zu präsentieren, ein Licht aufgehen.

 

 

Aber die volle Erleuchtung scheint den Verantwortlichen sowohl da wie auch dort noch immer nicht gekommen zu sein.

Die Baselworld, so wissen wir aus aus erster Hand, kann es sich offenbar immer noch leisten, erfolgreiche und zu den Spitzenreitern auf dem internationalen Markt zählende Anbieter von intelligenten Sportuhren die Teilnahme an der Messe zu verwehren. Das wäre gerade so, als würde der Autosalon Tesla als Aussteller nicht dabei haben wollen. Undenkbar; in der Uhrenbranche aber offensichtlich schon (noch).

 

 

Und der SIHH muss 2019 aus Budgetgründen – die offizielle Begründung lautet natürlich anders – um einen Tag verkürzen. Zu dumm, dass erst vor zwei Jahren der letzte Tag – bislang der Freitag – als Publikumstag eingerichtet wurde. Nun verlagert sich dieser auf den Donnerstag. Aber nicht von 10.00 Uhr bis 19.00 Uhr. Nein, sondern von 15.00 – 22.00 Uhr, wo der private Uhrenfan dann für stolze 70 CHF Eintrittsgeld beim Verzehr der übrig gebliebenen Essensreste und anschließend gleich noch beim Abbau der Stände mithelfen darf. Peinlicher geht es fast nicht mehr. Ein offener Affront gegen jeden ernsthaften Uhrenliebhaber.

Aber nun kommen diese zwei aus dem Ruder gelaufenen Messen auf die glorreiche Idee, man könnte es ja vielleicht einmal gemeinsam versuchen. Vielleicht in Basel oder in Genf, oder sonst wo. Aus Zwei mach Eins. Wenn zwei Kranke sich zusammen tun, wird aber nicht zwangsläufig ein Gesunder daraus. Wie heißt es so schön: Der Fisch stinkt zuerst am Kopf. Aber bei diesen Messen scheint es sich um Fabelwesen mit gleich mehreren Köpfen zu handeln.

Und nun verfolgen die beiden auch noch den Gedanken, sich gleich die EPHJ, eine reinrassige Messe für Zulieferer in der Feinmechanik für Medizintechnik und Uhren, einzuverleiben. Das wäre geradeso, als würde die IFA in Berlin mit dem Gedanken spielen, die electronica in München mit abzubilden.

 

 

Allein der Gedanke ist bereits absurd: Auf der einen Seite (Baselworld und SIHH) soll ein verkaufsfertiges Produkt den Endverbraucher und die ggfs. dazwischengeschaltete Distributionskette erreichen und von seinem Erwerb überzeugen und auf der anderen Seite (EPHJ) sprechen wir über Rohmaterialien, Maschinen, Vorrichtungen und Produktionsverfahren, die vielleicht erst in ein paar Jahren in einem fertigen Produkt anzutreffen sind. Die Zielgruppen sind also völlig unterschiedlich. Hier der Fokus auf Marketing und Verkauf, dort auf Produktentwicklung und Innovation.

Wir mögen den Damen und Herren bei ihren weiteren Überlegungen und Entscheidungen ein glückliches Händchen wünschen. Aber den Verantwortlichen sei geraten von ihrem hohen Roß erst einmal abzusteigen und ein paar Kilometer zu Fuß zu gehen, um überhaupt wieder etwas Bodenhaftung zu bekommen. Sonst könnte das Leiden dieser zwei Kranken möglicherweise ein jähes Ende nehmen. Womit wir gedanklich wieder bei der CeBit wären.

 

 

Der Autor:
Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als freier Journalist und Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor für hochwertige Uhren und neue Technologien.

 

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