An verschiedenartigen Uhrenmarken herrscht kein Mangel. Spätestens wenn sich der Uhrenafficionado auf den Weg durch die Innenstädte von Zürich oder Genf macht, in denen sich ein Uhrengeschäft neben dem anderen aufspannt, und dabei die Schaufensterauslagen studiert, wird ihm klar, dass es eine schier unüberschaubare Vielzahl an Marken und Produkten gibt, die alle nur ein Ziel verfolgen, nämlich irgendwann das Schaufenster zu verlassen, um am Handgelenk des Kunden zu landen.

In einer Zeit, in der eine Uhr zum Ablesen der Zeit nicht mehr benötigt wird – diese Aufgabe hat längst das Smartphone übernommen – tun sich die Produzenten von Uhren jeglicher Gattung zunehmend schwerer, ihre Produkte an den Mann oder an die Frau zu bekommen.

Die Uhr mutiert mehr und mehr zum Schmuckstück oder zum Lifefstyle Accessoire. Für Sportler hat die klassische Uhr ohnehin ausgedient. Diesen Job übernehmen mittlerweile sehr selbstbewusst Firmen wie Garmin, Fitbit, Samsung & Co. mit ihren innovativen High-Tech Produkten.

Auch an der Groupe Richemont, mit so strahlenden Marken wie A. Lange & Söhne, IWC, Jaeger Le-Coultre oder Piaget, zieht dieser Wandel nicht unbemerkt und unbeschadet vorbei.

Nun ward auf der diesjährigen SIHH in Genf die Initiative gestartet, bei der Marke Baume & Mercier ein Einsteigermodell mit hauseigenem Manufakturkaliber zu einem sehr veritablen Preis auf den Markt zu bringen und dem vermehrt auf Nachhaltigkeit achtenden, aufgeklärten Kunden für knapp 3.000 EUR ein faires Angebot zu unterbreiten.

 

Baume & Mercier Clifton Baumatic mit Manufakturkaliber

Soweit so gut. Die Initiative kam an, das Produkt kam an, alle waren zufrieden. Oder etwa doch nicht?

Denn nun kommt völlig überraschend ein neues Label um die Ecke.

Das Kochrezept: Man nehme den Markennamen Baume & Mercier streiche das „& Mercier“ weg, so dass nurmehr „Baume“ übrigbleibt, bediene sich eines stylischen Designs, verwende Materialen, die überwiegend recycliert oder vegan sein sollen und statte die Uhren mit Quarzwerken von RONDA oder dem japanischen Miyota Automatic-Kaliber 82D7 aus.

Montiert werden die Zeitmesser in Holland. Also kein „Swiss Made“ weit und breit. Verkauft und vertrieben wird das neue Produkt ausschließlich Online per Internet über einen eigenen Webshop zu Preisen zwischen 490 EUR (Quarz) und 960 EUR (Automatic).

Baume Iconic Series Automatic

Und das soll jetzt, laut der gestarteten Marketing-Kampagne, auf der einige der einschlägigen Uhren-Medien bereits aufgesprungen sind, wirklich hip sein?

Ich stelle die Frage nochmals: Das soll tatsächlich hip sein und die Millenials dazu bewegen, den Kaufbutton zu drücken?

Das robuste, aber sehr einfach aufgebaute Miyota Automatic-Kaliber 82D7 mit bekannt großen Toleranzen bei den Gangwerten

Eine Automatic-Uhr mit einem low-cost Kaliber, das eine bekannt großzügig bemessene Ganggenauigkeit (-20 / +40s) aufweist und im Einkauf für weniger als 40 US$ angeliefert wird. Das Werk ist sonst schon in Uhren der 300 Euro Preisklasse (z.B. Bulova 97 A121) zu haben. Dem Kunden dafür nun aber 960 Euro abzunehmen, ist schon ziemlich mutig, um nicht zu sagen frech.

Da geht die Swatch Group mit ihrer Tissot Swissmatic einen anderen Weg. Dort wird zwar ebenfalls ein Billigstkaliber mit einer Hemmungsbaugruppe aus Kunststoff verbaut, dieses stammt aber zumindest aus eigener Fertigung, die ganze Uhr ist Swiss Made und kostet weit weniger als die Hälfte der Baume. Für das gesparte Geld bekommt der Millenial dann gleich noch ein neues Samsung Galaxy S9 dazu.

Tissot Swissmatic
Samsung Galaxy S9

Eine Tissot Swissmatic (Swiss Made) und ein Samsung Galaxy S9 (Straßenpreis ~ 600 Euro) im Doppelpack zum nahezu gleichen Preis wie eine Baume Automatic, die irgendwo in Holland zusammengeschraubt wird. Da wissen die smarten Millenials doch ganz schnell bei welchem Angebot sie zugreifen, oder?

 

LINKS

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.