Der Genfer Automobilsalon ist soeben zu Ende gegangen. Und der Besuch hat sich auch in diesem Jahr wieder gelohnt. Viel Neues, neben Altbewährtem. In Zeiten des Wandels eine durchaus gesunde Mischung. Das erhöht den Spannungsbogen und zeigt, von wo bis wo die Gedankenspiele aktuell gehen. Aber es sind eben nicht nur Gedankenspiele, sondern vor allem bereits realisierten Projekte und Produkte, die letztlich die Faszination ausmachen.

 

Beispiel: Supersportwagen Rimac C-Two aus Kroatien / vollelektrisch, 1.912 PS, 412 km/h, 2.300 Nm

 

Es darf aber auch Retro sein: Der Ur-Mini als Neuauflage von David Brown

 

Es gab tolle Autos und viel Prominenz zu sehen: Tolles Design, tolle Technik und vor allem klare Statements in einer Zeit der Verunsicherung und der z.T. hysterisch und unsachlich geführten Anti-Diesel-Kampagnen. Aber es gab auch klare Aussagen zur Autowelt von Morgen, den künftig zu pflegenden Absatzkanälen und einem völlig veränderten Kauf- und Kundenverhalten bis hin zum Autonomen Fahren, selbst fliegende Autos waren ein Thema.

 

Peter Schreyer (mi), Design-Chef von Hyundai Motor Cooperation

 

Und es waren auch wieder viele Uhren zu sehen. Eindeutig mehr Apple-Watches an den Handgelenken von Managern und Fachjournalisten auf den Pressekonferenzen als noch im Vorjahr. Aber auch hochwertige Mechanik ist nach wie vor En Vogue und ziehrte wieder so manches Handgelenk. Auch die Kooperationen zwischen Automobil- und Uhrenherstellern haben nichts von ihrem Reiz verloren.

 

Die Apple-Watch ist an Handgelenken immer häufiger anzutreffen

 

Daneben gab es noch zwei Highlights: TAG Heuer, dieses Jahr zum dritten Mal mit einer eigenen Ausstellung auf dem Automobilsalon vertreten und auch Chopard lud zu einer eigenen Pressekonferenz gemeinsam mit den Veranstaltern der Mille Miglia ein.

 

Jacky Ickx bei der Enthüllung der neuen Chopard Mille Miglia 2018 Race Edition

 

Neben über 10.000 Journalisten aus aller Welt konnte die Messeleitung rund 660.000 Besucher (-4,5% gegenüber dem Vorjahr) registrieren. Von solch einer Frequenz und Reichweite können andere Messen nur träumen.

 

Sonderausstellung von TAG Heuer auf 1000 m2 Ausstellungsfläche

 

Der leichte Rückgang sollte denn auch nicht überbewertet werden, wenngleich auch der Genfer Automobilsalon, wie viele andere Messen auch, die vielfältigen Veränderungen zu spüren bekommt.

 

Blick in die Messehalle 5

 

Die Verleihung des renommierten Titels „Car of the Year“ findet seit einigen Jahren am Vorabend der Eröffnung des Automobilsalons statt. Wir waren in diesem Jahr wieder dabei und erneut sehr beeindruckt von Vorgehensweise, Qualität und vor allem Transparenz der Auszeichnung. An dieser Stelle hat die Uhrenfakultät noch erhebliches Lernpotenzial.

 

Preisverleihung „Car of the Year“

 

Jeder kann exakt nachvollziehen, warum und weshalb die einzelnen Teilnehmer so und nicht anders beurteilt wurden. In diesem Jahr erhielt der neue Volvo XC40, mit deutlichem Abstand vor dem Zweitplatzierten, dem neuen Seat Ibiza, die begehrte Auszeichnung. Die Einzelergebnisse lassen sich auf der Webseite von  „Car of the Year“ einsehen.

 

Preisübergabe durch Frank Janssen (li) an den Volvo-Chef, Hakan Samuelsson (re)

 

Car of the Year 2018: Der neue Volvo XC40

 

Volvo XC40

 

Das Interieur des neuen Volvo XC40: Modernes Design, digitale Instrumente und hochwertige Materialien beherrschen das Bild

 

Ein Thema, welches jetzt doch sichtbar an Fahrt aufnimmt, ist die Elektromobilität. Reichweiten von 400km und mehr scheinen nicht mehr nur das Privileg von Tesla zu sein. Der ein oder andere hat rasch dazugelernt.

 

Der überarbeitete und alltagstaugliche Renault ZOE mit 400km Reichweite

 

Bis hin zur Formel-E, in der nun auch Jaguar ein gewichtiges Wörtchen mitredet.

 

 

Kein geringerer als der Brasilianer Nelson Piquet jr. fährt in der Saison 2018 für die Briten.

Dazu passt natürlich der von Jaguar auf dem Automobilsalon erstmals vorgestellte neue Elektrik-SUV I-Pace. Dieser von der britischen Nobelmarke zusammen mit Magna Steyr in Graz entwickelte und gebaute weltweit erste Vollelektro-SUV weist eine Reichweite von 480 km Reichweite auf. Und extrem schick ist das Auto obendrein auch noch.

 

Der neue vollektrische Jaguar I-Pace

 

Heckansicht des Jaguar I-Pace

 

Dagegen haben die deutschen Anbieter Audi/VW oder BMW und Mercedes nur einfache Hausmannkost anzubieten und rutschen damit in die Bezirksliga ab.

 

Auf der Pressekonferenz von Hyundai

 

Als einer der wenigen Fullsortimenter präsentierte sich der koreanische Senkrechtstarter Hyundai. Neben den konventionellen Antrieben Benzin und Diesel werden die Elektroantriebe in unterschiedlicher Ausprägung als Mildhybrid, Hybrid, Plug-In und vollelektrischem Antriebsstrang angeboten. Zusätzlich, und da kann derzeit nur Toyota mithalten, wurde mit dem neuen Hyundai Nexo auch ein voll alltagstaugliches, mit Wasserstoff betriebenes Fahrzeug vorgestellt.

 

Hyundai zündet bis 2025 ein Feuerwerk an Neuheiten im Bereich alternativer Antriebe. Von Hybrid über Vollelektro bis hin zu Wasserstoff

 

Der neue Hyundai Nexo bedient sich einer Brennstoffzelle, um aus dem Energieträger Wasserstoff die für die Fortbewegung erforderliche Elektrizität zu gewinnen. Abgase entstehen keine. Bei der Oxidation von Wasserstoff in der Brennstoffzelle ensteht lediglich Wasser. Die Reichweite wird mit knapp 500 Kilomtern beziffert. Die Strecke München – Mailand kann so ohne Tankstopp zurückgelegt werden. Das Befüllen der beiden, im Unterboden – unterhalb der Rücksitze – angeordneten Tanks soll in weniger als 5 Minuten erledigt sein.

 

Ein Schnittmodell des neuen Hyundai Nexo mit Brennstoffzelle für die Erzeugung von Elektrizität aus dem Energieträger Wasserstoff

 

Auch hier haben die deutschen Hersteller das Nachsehen. Zwar arbeitet Mercedes-Benz seit vielen Jahren ebenfalls an dieser Technologie, aber serienreif und damit alltags- und kundentauglich sind die Fahrzeuge bislang nicht.

Ein Thema, bei dem Mercedes-Benz jedoch gehörig Dampf macht, ist eine völlig neue Art der Kundenorientierung. Ganz nach dem Motto: Wir haben verstanden, unsere frühere Arroganz abgelegt und begegnen dem Kunden jetzt auf Augenhöhe und lesen ihm seine Wünsche sogar vom Gesicht ab. Das gilt auch für jegliche Form des Erwerbs von Fahrzeugen, oder sagen wir besser Mobilität.

 

Pressekonferenz bei Mercedes-Benz. Wichtige Botschaft: Eine völlig neue Form der Kundenorientierung.

 

Möchte der Kunde ein Auto beim Händler kaufen? Bitte sehr. Möchte der Kunde sein Auto online bestellen und beim Händler abholen? Bitte sehr. Möchte der Kunde gar kein Auto kaufen, sondern nur Mobilität und Fahrspaß auf Zeit erwerben? Bitte sehr. Mercedes-Benz geht davon aus, dass der Erwerb von Fahrzeugen in Zukunft zu 25% online erfolgt und diesen Trend will der Automobilhersteller sogar forcieren und damit aktiv mitgestalten.

Aber auch andere Formen der Mobilität will der Autokonzern voranbringen. Kunden, die jeden Monat ein anderes Fahrzeug fahren möchten, können das tun und den jeweiligen fahrbaren Untersatz ganz nach Belieben gegen einen anderen eintauschen. Bei diesem Geschäftsmodell steht nicht mehr der Besitz im Vordergrund, sondern das Erlebnis!

 

Das Mobilitätskonzept „Snap“ von Rinspeed

 

Aber auch alle möglichen Formen der alternativen Fortbewegung nehmen weiter an Fahrt auf. Ganz weit vorne spielt natürlich das Thema Autonomes Fahren. Zahlreiche Hersteller stellen hierzu ihre Lösungsansätze vor. Der Schweizer Thinktank Rinspeed geht dabei so weit, die Fahrgastzelle vom Antriebsstrang zu trennen, sodass die Unterflurkonstruktion je nach Bedarf mit einer Fahrgastzelle zum Transport von Fahrgästen oder aber – je nach Bedarf – auch mit einer Zelle für den Transport von Gütern kombiniert werden kann. Der Wechsel der unterschiedlichen Aufsätze erfolgt innerhalb weniger Minuten. Damit einher gehen natürlich auch alle denkbaren Formen von Hardware-Updates.

Einen noch gewagteren Gedankensprung vollzieht die Audi Tochter Italdesign in Kooperation mit Airbus. Die automobile Fahrzeugkabine wird durch das Andocken an eine Drohne plötzlich zum fliegenden Objekt. Science Fiction, Ja oder Nein ist hier die Frage.

 

Mobilitätsstudie von Italdesign gemeinsam mit Airbus

 

Und was hat all dies mit Uhren zu tun? Eine ganze Menge! Wo Autos sind, sind zumeist auch Uhren. Wo teure Autos sind, finden sich fast immer auch Kunden, die bereit sind, für eine Uhr etwas mehr Geld auszugeben. Und, wo die Automobilhersteller Innovationen vorantreiben, sind die Uhrenhersteller durchaus gut beraten, dieser Fakultät über die Schulter zu sehen und die für sie richtigen Schlüsse zu ziehen

Neben den neuartigen Antriebstechnologien, weg vom Verbrennungsmotor, hin zum elektrifizierten Antrieb hieße das übertragen auf die Uhr: Weg vom mechanischen Uhrwerk hin zum elektronischen und smarten Innenleben. Aber auch dem Kunden mal einen Ausblick in die Zukunft gewähren.

 

Modular aufgebaute Rennsportuhr von der schwedischen Firma Halda. Das analoge, mit mechanischem Werk ausgestattete Anzeigemodul lässt sich – je nach Bedarf – mit einem Handgriff gegen ein volldigitales, elektronisches Modul austauschen

 

Die Halda Race Pilot in analoger Version

 

Im Mechanikmodul verwendet Halda das edle Automatikkaliber 685 von Zenith

 

Und betrachtet man die Veränderungen bei den Anzeigeinstrumenten, so weichen die mechanischen Zeigerinstrumente immer mehr großflächigen Displays, mit ganz vielfältigen Anzeige- und Konfigurationsmöglichkeiten. Die Apple Watch lässt grüßen. Statt Zifferblatt mit mechanischem Zeiger nun das hochauflösende, frei konfigurierbare Display.

 

Volldigitales Cockpit im neuen Peugeot 508

 

Für die echten Freaks gibt es aber natürlich immer noch die Hochleistungsverbrennungsmotoren mit konventionellen Anzeigeinstrumenten im Interieur, eben ganz der Klassiker. Die ganz großen Stückzahlen werden das in Zukunft wohl nicht mehr sein. Was heißt das für die Uhren? Die Antwort kennen wir. Sie wird ähnlich ausfallen. Freaks wird es immer geben. Nur, sie werden in ihrer Zahl weiter abnehmen.

 

Der Rennstall „Rebellion Racing“ macht sich nicht nur im Rennsport einen Namen, sondern auch mit seinen außergewöhnlichen Uhren: Synthese geglückt!

 

Rebellion kümmert sich eben nicht nur um Erfolge auf der Rennstrecke, sondern auch am Handgelenk.

 

Die Rebellion T-1000 mit 40 Tagen (=1000 Stunden) Gangreserve

 

 

Rebellion Predator 2.0, Regulator Tourbillon

 

Rebellion Predator Three Hands & Date Automatic

 

Welchen Schluss ziehen wir aus den gewonnen Eindrücken? Die Revolution in der Antriebstechnik – nicht nur im Automobilbau – hat soeben begonnen. Die Auswahl für den Kunden ist größer und besser denn je.

 

Der Autor:
Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als freier Journalist und Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor für hochwertige Uhren und neue Technologien.

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