Das zurückliegende Jahr 2016 war das zweite Jahr in Folge, welches von einem massiven Rückgang der Schweizer Uhrenexporte geprägt war. Ein Minus von 10% ließ den Exportumsatz auf 19,4 Mrd CHF schrumpfen und entspricht damit nurmehr dem Ergebnis von 2011.

Im Rahmen der Pressekonferenz zum Auftakt der Baselworld wurde denn auch nicht von einem bedrohlichen Einbruch, sondern nach Jahren des fulminanten Aufstiegs vielmehr von einer Normalisierung der Geschäftsentwicklung gesprochen. Wohl dem, der darauf vorbereitet war und die sportlichen Vorjahresergebnisse mehr als einmaligen warmen Regen denn als stetige und ungebremste Aufwärtsentwicklung interpretiert hat.

Denn die Kapazitäten müssen an die gebremste Nachfrage angepasst und bereits vorhandene Überkapazitäten möglichst rasch abgebaut werden. Das bekommt auch die Baselworld selbst schmerzlich zu spüren.

200 Aussteller weniger als im Vorjahr (entsprechend einem Minus von 15%) und signifikant weniger Besucher sprechen eine deutliche Sprache. Freie Hotelzimmer in Downtown Basel zur Messezeit, das hat es so noch nie gegeben.

Kommt der Besucher am Euroairport in Basel an und fährt mit dem Shuttle-Bus oder dem Taxi in Richtung Innenstadt, so war bis zum letzten Jahr die mehrere Kilometer lange Autofahrt entlang des Flughafengeländes gesäumt von Werbeplakaten der Baselworld und ihrer ehemals finanzkräftigen Aussteller. Dieses Jahr scheint alles anders zu sein. Keine Werbung für die Baselworld und außer Tissot auch keinerlei Werbung von Ausstellern, stattdessen wirbt das Vermögenszentrum für Geldanlagen von vermögenden Pensionisten. Was will uns die Stadt Basel und die Baselworld damit sagen? Ist die Baselworld ein Auslaufmodell und damit reif für die Pensionierung? Das VZ wird an dieser Stelle aber kaum weiterhelfen können.

Das ist umso bedauerlicher als die Baselworld dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert (1917 – 2017). Dies wurde im Rahmen der Pressekonferenz auch anschaulich erläutert. Gleichzeitig wurde aber immer wieder dezent der Hinweis gegeben, dass die Messe ihren Fokus permanent überprüfen, ggfs. ihre Ausrichtung ändern und an veränderte Rahmenbedingungen anpassen muss. Und Gründe der Anpassung gibt es wahrlich genug. Es wurde weder ausgesprochen, noch wurden Namen genannt, Tatsache ist aber, dass einige Hersteller der Messe den Rücken gekehrt und nach Genf zur SIHH abgewandert sind. Nun halten auch noch Intel und Samsung mit auffallend großen Ständen Einzug in die Messe Basel. Da scheint doch einiges durcheinander geraten zu sein.

Spätestens jetzt sollte jedem bei der Pressekonferenz anwesenden Journalisten klar geworden sein, was damit gemeint war: Das ist eine Zäsur; das Wasser steht der Messe Basel bis zum Hals. Größere Flächen stehen leer. Einige über viele viele Jahre treue Aussteller gehen nach draußen und mieten sich in umliegenden Geschäftsräumen ein. Da scheinen die Damen und Herren von der Messe Basel den Bogen wohl endgültig überspannt zu haben, wie so einige Uhrenhersteller allerdings auch. Jetzt tritt der gefährliche und gefürchete Bumerang-Effekt ein. Aber die Verantwortlichen der Branche wollen es offensichtlich wissen.

Was ein Jahr zuvor noch undenkbar war, wird nun Wirklichkeit. Zwei neue Megakonzerne halten Einzug in Basel. Intel mit rund 50 Mrd. US$ und Samsung mit 227 Mrd US$ Jahresumsatzumsatz kommen nun aus der Deckung und positionieren sich. In Relation dazu nehmen sich Rolex mit rund 5 Mrd. und selbst die Swatch Group mit 7,5 Mrd US$ recht beschaulich aus. Sogar LVMH als weltweit größter Luxusgüterkonzern kann mit rund 38 Mrd US$ gegen diese Megas ebenfalls nicht die volle Punktzahl einfahren.

Insofern sollte jetzt klar sein, mit wem wir es künftig zu tun haben werden und wer in Zukunft ggfs. noch dazustoßen könnte, um die weiter schrumpfenden Flächen – die Prognosen für 2018 lassen nichts Gutes erwarten – wieder halbwegs zu füllen. Da würden uns spontan schon ein paar weitere Namen einfallen. Aber lassen wir uns überraschen.

Nun Schatten gibt es bekanntlich nur, wenn auch genügend Licht vorhanden ist und davon war auf der Baselworld, trotz aller Probleme und Schwierigkeiten in denen die Branche steckt, wieder genug zu spüren. Mancherorts machte sich sogar Aufbruchstimmung breit; und das ist gut so! Not macht manchmal eben auch erfinderisch; leider nicht immer und überall. Lassen Sie es uns so formulieren: Bedauerlicherweise gibt es immer noch Anbieter und Aussteller, die nicht verstanden haben, oder verstehen wollen, wo vorne ist. Sie leben in der Vergangenheit, lecken ihre Wunden, und pflegen weiterhin völlig unbeirrt und konsequent ihre Arroganz und Ignoranz. Vielleicht ist das ja auch ein (auslaufendes) Geschäftsmodell?

Auf die Frage, ob wir ein bestimmtes Modell sehen und fotografieren könnten, konterte der Boy oder das Girl am Counter des fast leeren Standes dann mit der Frage, ob wir denn einen Termin vereinbart hätten. Nein, hatten wir nicht in jedem Fall. Eben um auch zu sehen, wie spontan, flexibel und vor allem kundenorientiert einzelne Aussteller agieren. Da hat so mancher Aussteller noch sehr viel Potenzial, möglicherweise sogar zu viel davon.

Aber es gibt mit zunehmender Tendenz mehr und mehr positive und sehr erfrischende Beispiele. Unternehmen, die es gelernt oder wieder gelernt haben, dem Kunden zuzuhören, auf ihn zuzugehen, ihn zu fragen, was er gerne möchte und in einladen am Messestand zu verweilen und die Produkte zu studieren.


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Der Rolls Royce von WatchAnish auf dem VIP-Parkplatz vor Halle 1

Samsung sei Dank, hatten einige Aussteller, aber auch so mancher Medienvertreter die Möglichkeit zu sehen und zu studieren, wo die Reise hin geht. Bezeichnenderweise hatte die Pressekonferenz bei Samsung der allseits viel beachtete, von den Traditionalisten aber auch gefürchtete Blogger Anish Bhatt von WatchAnish mit über 1,7 Mio. Followern moderiert.


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Pressekonferenz bei Samsung; von links: Anish Bhatt (WatchAnish), Younghee Lee (Executive Vice President of Global Marketing, Samsung Electronics), Arik Levy (Design-Studio in Paris), Yvan Arpa (Design-Studio in Genf)

Das ist die Zukunft, da geht die Reise hin. Diese Leute erreichen die Generation Y, nicht die Museumsdirektoren, die immer noch so manch angestaubte Uhrenmarke führen. Die in Basel präsentierte Samsung Gear S3 war dabei nicht das eigentliche Thema. Schon mehr die Tatsache, dass der Schweizer Uhrendesigner Yvan Arpa der eigentliche (Design-)Vater der Gear S3 ist. Yvan Arpa erläuterte dann im Pressegespräch auch klar die Zielsetzung und Verbindung zwischen Tradition und Moderne. Und der in Paris beheimatete Industrie-Designer Arik Levy ist für die Gestaltung der Zifferblätter, die Armbänder der Gear S3 und den Messeauftritt von Samsung zuständig.

Die Smartwatch selbst ist bereits seit mehr als einem halben Jahr auf dem Markt, was in der dynamischen Welt der Elektronik einer halben Ewigkeit gleichkommt. Nein, die Art und Weise, wie Samsung sich selbst und das Produkt inszenierte, waren das eigentliche Statement. Dass dann noch ein Hydropulser mit insgesamt 8 Sitzplätzen aufgebaut war und den Besucher mittels Virtual Reality auf eine fesselnde Fahrt mit der Achterbahn entführte, rundete diesen Eindruck nur noch ab.

Die einzigen CEO´s traditioneller Uhrenmarken, die diese Ansage und Herausforderung wirklich verstanden haben, sind Peter Stas und Jean-Claude Biver, der seine klare Position zudem auch auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit sicht- und deutlich hörbar kommuniziert. Das ist Marketing auf seine ganz eigene Art. Biver hat den Marken TAG Heuer und Hublot bereits ein Fitnessprogramm für die Zukunft verordnet und Personen in maßgeblichen Positionen installiert, die nach vorne blicken, gleichzeitig aber den engen Kontakt mit der Basis halten und vor allem zu Fuß gut unterwegs sind, nicht hoch zu Roß.


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Jean-Claude Biver im Interview

Dennoch hat Biver auf der Pressekonferenz bei Hublot im anschließenden Interview verlauten lassen, dass er trotz allem großen Respekt vor den neuen Herausforderern habe und die Schweizer Uhrenindustrie gut daran täte, dies alles (verdammt) ernst zu nehmen. Ihm bereite weniger die Haute Horlogérie Sorgen, die in einer eigenen Klasse spielt und immer ihre Fans und Liebhaber finden wird, als vielmehr die auf hohe Stückzahlen angewiesene industrielle Produktion.

In dieser Liga der großen Stückzahlen spielt u.a. die Swatch Group mit ihren Einstiegs- und Mittelklassemarken und Modellen. Dazu zählen Marken wie Certina, Hamilton, Mido, oder Tissot, im mittleren Preissegment als typischer und bislang recht erfolgreicher Vertreter mit gutem bis sehr guten Image, auch Longines.

Aber der Reihe nach. Was fällt bei den Einstiegsmarken auf? Erfrischende, zum Teil sogar mutige Designs bei Hamilton oder auch Mido, bei gleichzeitig knapp kalkulierten Preisen und konsequenter Pflege der eigenen Stilrichtung, in Verbindung mit mehr Mut zu Farbe und ungewöhnlichen Formen.


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Ab 2017 ist Hamilton offizieller Zeitnehmer beim Redbull Air-Race. Die neue Hamilton Khaki Air Race

 


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Hamilton Ventura im Jeans-Look; das Design geht fast schon in Richtung Fashion

 


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Mido Limited Edition, vom Solomon R. Guggenheim Museum in New York inspiriertes Design

Bei Certina ist der Rotstift klar zu erkennen. So kommt nun auch bei diesem Hersteller das von ETA ursprünglich für Tissot entwickelte kostenoptimierte Mechanik-Chronographenwerk C01.211 vermehrt zum Einsatz. Die Preise rutschen so um mehrere 100 CHF nach unten, dafür muss der Kunde dann aber auch ein Werk in Kauf nehmen, welches mit traditioneller Uhrmachertechnik nicht mehr viel zu tun hat. Man könnte es auch als Weiterentwicklung oder Revival des Lemania 5100 bezeichnen. Schon damals schieden sich die Geister an diesem aus vielen Kunststoffteilen bestehenden, aber dennoch sehr präzise arbeitenden Werk. Für einen Uhrensammler aber kaum die richtige Wahl.


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Certina 1888, (li. und re.) Chronograph mit ETA C01.211, (mitte) Modell 1888 mit Powermatic 80 (ETA C07.111)

Wichtig dabei ist, dass dem Kunden gegenüber reiner Wein eingeschenkt wird und er genau weiß, was ihn beim und auch nach dem Kauf erwartet und dann entscheidet, ob er nicht besser gleich zu einem Quarzchrono greift und dabei noch weiteres Geld einspart.

Nicht so bei Hamilton. Dort legt man Wert auf die Feststellung, dass selbst das neue Powermatic 80 Kaliber von ETA in einer Ausführung bezogen wird, bei der keine Kunststoffteile im Bereich der Hemmung Verwendung finden, das Werk also 25 statt der üblichen 23 Steine besitzt. Der Kunde wird sich letztlich schwer tun, herauszufinden, wo wird was und in welcher Qualitätsstufe verbaut. Da haben dann die Social Medias genügend Stoff, um Kundenaufklärung zu betreiben.

Leider präsentiert sich Tissot recht unglücklich. Hier scheint mehr die Masse und weniger die Klasse das Gebot der Stunde zu sein. Eine solch ungeheure Zahl an Uhren in den Vitrinen des Messestandes nehmen dem Betrachter jegliche Übersicht und wirken geradezu bedrohlich.

Eine Klasse für sich ist die Rado True Thinline. Das Thema Keramik wird von diesem Anbieter in einer Vielfalt gespielt, wie bei sonst keinem anderen Uhrenhersteller. Leider sind die Preise nicht mehr besonders einsteigerfreundlich. Asiatische Anbieter zeigen, dass es bei Keramik auch deutlich günstiger geht.

Das gilt im Übrigen auch für Longines. Die Marke, die es über viele Jahre hinweg verstand, ein Top-Image mit moderaten Preisen zu verknüpfen, wittert offensichtlich Morgenluft. Ob das unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen gut geht, bleibt abzuwarten. Auch ob das neue V.H.P genannte Quarzkaliber mit extrem hoher Ganggenauigkeit und entsprechendem Mehrpreis den Nerv der Zeit trifft, ist eine unbeantwortete Frage.

 

Im Bild: Ein Modell der Spirit of St. Louis, jenem Flugzeug, mit dem Charles Lindbergh als Erster den Atlantik von New York nach Paris überquerte

 

Zum 90-jährigen Jubiläum der Atlantiküberquerung durch Charles Lindbergh legt Longines ein Sondermodell auf. Mithilfe der „Lindbergh“ lässt sich auch ohne GPS-Signal schnell der aktuelle Längengrad ermitteln. Zum 90. Jubiläum von Lindberghs Rekordflug lanciert Longines eine Neuauflage: mit Magnesiumgehäuse und Automatikwerk und authentischen 47,5 Millimetern Durchmesser.

Ein anderes viel gespieltes und inszeniertes Thema auf der Baselworld ist die Unruhspirale aus Silizium. Das ist für den späteren Käufer einer Uhr aber vermutlich genauso unspannend oder besser uninteressant, wie wenn ein Automobilhersteller darüber philosophiert , ob die Lauffläche der Zylinder im Motorblock nun eine Beschichtung aus Nikasil tragen, oder mit einer eingepressten Stahlbuchse versehen sind.

Dank dieser Innovations-Potenz können mittlerweile nur noch sattelfeste Materialkundler mithalten. Die Kunden sind mittlerweile ziemlich überfordert und selbst Uhren-Aficionado sind längst nicht alle vorbehaltlos überzeugt. Aber in erster Linie geht es den Anbietern um Kostenreduktion. Wurde die bei den Oberklassemodellen zunächst eingeführte Produktion von Unruhspiralen aus Silizium erst einmal zuverlässig etabliert, kosten ihre aus der Halbleiterfertigung bekannten und auf höchste Stückzahlen bei gleichzeitig geringsten Toleranzen ausgelegten Fertigungsmethoden nur noch einen Bruchteil der bisherigen Herstellung von Spiralfedern aus traditionellen Materialien.

Die aus der Halbleitertechnik bekannten Verfahren „DRIE“ (Deep Reactive Ion Etching) und „LIGA“ (Lithografie, Galvanik und Abformung) ermöglichen eine bislang ungeahnte Präzision bei der Teilefertigung. Aufwendige Klassierungsprozesse können weitgehend entfallen und die Einhaltung der Chronometernorm stellt so auch kein größeres Problem mehr dar und ist schon fast ein Abfallprodukt.

Konservative kritisieren, dass diese Werkstoff-Wahl und die damit verbundenen High-Tech Fertigungsmethoden eine klare Abkehr von der traditionellen Uhrmacherei sei. Denn obwohl Langzeittests simuliert werden, kann kein Hersteller die für mechanische Uhren immer wieder propagierte jahrzehntelange Haltbarkeit unter realen Bedingungen garantieren und der Uhrmacher sieht sich bei einer späteren Revision des Werkes ganz neuen Herausforderungen gegenüber. Will und braucht der Kunde das alles? Hat ihn dazu irgendjemand befragt? Oder dient das wiederum alles nur der Kosten- und damit erneuten Gewinnmaximierung bei den Herstellern? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Womit wir beim Thema Service und Kundeorientierung wären. Diesen Punkt haben bislang nur die wenigsten Hersteller für sich entdeckt. Die stark eingeschränkte Ersatzteilversorgung für konzern- und markenfreie Händler ist ein Thema, welches täglich mehr Kunden vergrault und wegen der oftmals horrenden Folgekosten für Wartung und Service davon abhält, eine teure Uhr zu erwerben. Omega und Rolex fallen im Umfeld von Social Media besonders unangenehm auf. Aber auch Breitling & Co. oder die in Basel nicht ausstellende Groupe Richemont gehen hier gleichfalls mit äußerst schlechtem Beispiel voran.

Zwar feiert Omega dieses Jahr das 60-jährige Bestehen seiner Speedmaster, besonders einladend wirkt der Messestand aber dennoch nicht. Hier wird ganz offensichtlich noch ganz der alte Stil im Umgang mit dem Kunden gepflegt; fragt sich, wie lange noch? Benötigt die Generation Y überhaupt noch eine Omega oder gar eine Rolex, könnte die Frage auch lauten?


Im Bild:
Die Trilogie aus Railmaster, Seamaster und Speedmaster als Limited Edition im Set. Alle Modelle von 1957 neu aufgelegt und mit aktuellen Kalibern bestückt.

Das Thema Uhrwerkskaliber befeuert aber nicht nur im Bereich der Wahl neuer Materialien die Gemüter, auch die Frage nach dem Sinn und Unsinn von eigenen Manufaturkalibern stellt sich in schwierigen Zeiten wieder vermehrt. So manch einer, der sich von den Medien hat in Richtung Manufakturkaliber treiben lassen, bereut das jetzt bitter, angesichts rückläufiger Stückzahlen und nicht amortisierter Investitionen.

Aber selbst die großen Player unter den Uhrenmarken nehmen das Thema mittlerweile nicht mehr auf die leichte Schulter. Und letztlich geht es ja auch gar nicht darum, stets und immer ein eigenes Manufakturkaliber zu verbauen. Der Rückfall auf ein ETA oder Sellita-Kaliber ist vermeintlich aber auch nicht die Lösung. Also haben sich im Falle von Breitling und Tudor/Rolex zwei Top-Anbieter an einen Tisch gesetzt und beschlossen, sich gegenseitig mit Uhrwerken zu beliefern. Breitling liefert an Tudor sein hauseigenes Chronographenkaliber und Tudor liefert sein neues Standardautomatik-Kaliber an Breitling. Das gab´s in ähnlicher Form doch schon mal?

Das ist aber beileibe nichts Schlechtes, schon eher ein Zeichen von Vernunft. Damit sollte der Kunde auch kein Problem haben und die Hersteller sparen Geld in einem derzeit turbulenten Umfeld. Chapeau! Eine gute und weise Entscheidung.

 

Im Bild: TAG Heuer, „Heuer Autavia“, Revival eines Klassikers

Bei zahlreichen Herstellern waren auf der diesjährigen Baselworld „Talking-Pieces“ ein wichtiges Thema. Seien es der Relaunch eines Klassikers, wie dies beispielsweise bei  TAG Heuer mit der wunderschönen „Autavia“ der Fall ist, bei Hublot die anspruchsvolle Techframe 70 Years Ferrari, oder bei Zenith das neue Kaliber El Primero 21, welches mit starker Unterstützung aus dem Schwesterhaus TAG Heuer in Rekordzeit das Licht der Welt erblickte und nun ermöglicht, die Stoppzeit auf 1/100 Sekunden genau zu ermitteln. Ob das jemand braucht, ist natürlich eine andere Frage. TAG Heuer und Zenith betonen dabei, nicht, wie viele Wettbewerber, auf eine Spirale aus Silizium zu setzen, sondern einen im eigenen Hause entwickelten Carbon-Verbundwerkstoff zu verwenden.


Im Bild:
TAG Heuer, „Heuer Autavia“, Rückansicht

 


Im Bild:
Hublot Techframe 70 Years Ferrari

 

Im Bild: Zenith El Primero 21 „Defy“

J.C. Biver hat bei Zenith aber für dieses Jahr noch ein weiteres Highlight angekündigt. Es soll ein mechanisches Uhrwerk vorgestellt werden, wie es die Welt bislang noch nicht gesehen hat. Er sprach gar von einer Revolution im Uhrenbau, die den nächsten Nobelpreis verdient hätte. Die klassische Ankerhemmung mit ihrem Schwingsystem, wie sie seit mehr als 400 Jahren Stand der Technik ist, soll dann der Vergangenheit angehören. Lassen wir uns überraschen, das Jahr hat ja gerade erst begonnen.

 

Im Bild: Zenith El Primero 21 „Defy“, Rückansicht

Aber auch Nomos ist immer wieder für eine Überraschung gut. Nicht nur produkt- auch marketingseitig kommt das Unternehmen aus Glashütte – mit Design aus Berlin – gut voran.


Im Bild:
Nomos Campus, „die Uhr zum Abitur“

Der neueste Coup: Die Uhr zum Abitur zum Preis von rund 1000 EUR. In der neuen Nomos Club Campus tickt sogar das Nomos eigene Manufakturkaliber Alpha, dazu gibt es auf Wunsch eine Bodengravur und ein kleines Büchlein mit Lebensweisheiten für die Jugend und damit die Zukunft unseres Landes. So werden die jungen Leute von morgen erreicht und für eine qualitativ hochwertige und dabei bezahlbare mechanische Uhr gewonnen. Bei Nomos spielt natürlich auch Farbe wieder eine zentrale Rolle.


Im Bild:
Nomos Ahoi neomatic, aus der neuen Serie „Aqua“ mit Manufakturkaliber DUW 3001

Ein Talking-Piece haben wir auch bei Sinn entdeckt. Die neue sehr schicke Quarz-Uhr für Damen ist mit der sogenannten Q-Technologie versehen. Eine im Gehäuseboden integrierte elektromagnetische Abschirmung sorgt dafür, dass die Sekundenimpulse des Schrittmotors nicht auf den menschlichen Körper übertragen werden und zu einer Irritation der am Handgelenk befindlichen Nervenenden führen. Für empfindliche Menschen sicher ein Thema.


Im Bild:
Sinn 434 TW68 WG S mit [Q]-Technologie

Viele Uhrenhersteller waren für die bunte Welt der Damen in diesem Jahr aktiv und haben einige auffällige Modelle präsentiert. Darunter fallen nicht nur bekannte Design-Marken wie GC oder Kate Space. Nein selbst die eher der Tradition verpflichtete deutsche Marke Zeppelin wagte sich mit der neuen Modellreihe Grace nach vorne. Der Hersteller, Firma POINtec aus Ismaning bei München, feierte anlässlich der Baselworld mit geladenen Gästen zudem sein 30-jähriges Bestehen.


Im Bild:
Zeppelin „Grace“

Anläßlich der Firmenjubiläums legte POINTtec dann auch noch eine limitierte Sonderedition auf. Das „Iron Annie“ genannte Modell ist eine Hommage an die bei der Deutschen Lufthansa für Rundflüge noch immer im Einsatz befindliche Junkers JU 52.


Im Bild:
Jubiläumsmodell 30-Jahre POINTtec „Iron Annie“, mit Kaliber FW98RM und Gangreserveanzeige bei 11 Uhr

Die weiter nördlich, aber auch gerade noch in Bayern in Alzenau bei Aschaffenburg beheimatete Uhrenmanufaktur Alexander Schorokoff hat ihr 25-jähriges Bestehen ebenfalls im Rahmen der Baselworld gefeiert. Ob POINTtec oder Alexander Shorokhoff, für kleine Familienunternehmen aus deutschen Landen ist dies keine Selbstverständlichkeit.

Alexander Shorokhoff hat als Sondermodell zum Jubiläum gar ein Modell mit Flying Tourbillon aufgelegt. Ist schon die Designsprache des Zifferblattes höchst außergewöhnlich, so vollendet das rückseitig handgravierte Werk die Begeisterung.


Im Bild:
Alexander Shorokhoff Flying Tourbillon „Tomorrow“, Sonderedition

 


Im Bild:
Alexander Shorokhoff Flying Tourbillon, „Tomorrow“ Sonderedition, Rückansicht

Und was tut sich auf der Baselworld 2017 bei der neue Generation der smarten Uhren? Eine ganze Menge. Das Thema wird, Samsung sei erneut gedankt, erstmalig professionell und mit offenem Visier gespielt. Neben der schon erwähnten Gear S3 von Samsung, ist TAG Heuer mit der Connected Modular 45 dabei, aber auch Michel Herbelin, Guess, GC, New-Balance, die Fossil-Group mit ihren zahlreichen Lizenzmarken und natürlich Casio, neuerdings auch Citizen und nicht zu vergessen Frédérique Constant, Alpina und Mondaine sind wieder mit von der Partie. Ein weiterer Neuling, der Anbieter Kronaby aus Schweden, eine Neugründung von ehemaligen Sony-Ericsson Mitarbeitern und ausreichend Kapital eines chinesischen Investors ausgestattet, geht mit seiner neuen Hybrid-Smartwatch für moderates Geld ebenfalls sehr professionell an den Start.


Im Bild:
Michel Herbelin Newport Lady Connect. Äußerlich nicht zu erkennen, dass es sich um eine „schlaue“ Uhr handelt

Der Schweizer Hersteller von Smartwatches und Wearables MyKronoz meldet sich ebenfalls wieder zurück auf der Baselworld und stellt die „ZeTime“ vor, eine Uhr mit hochauflösendem Display, aber zusätzlichen per Schrittmotor angetriebenen mechanischen Zeigern. Wenn das nicht smart ist?


Im Bild:
MyKronoz ZeTime

Was sagt uns das? Nun, die Smartwatch, egal ob mit oder ohne Display, hat sich allen Unkenrufen zum Trotz, fest am Markt etabliert. Die nächste Generation der hybriden Uhren wird zunehmend eleganter und dünner und dürfte damit der „normalen“ Quarzuhr über Kurz oder Lang das Leben schwer machen. Und die neuen AMOLED-Displays bieten eine Auflösung, die selbst aus geringerem Betrachtungsabstand kaum noch den Unterschied zu einer analogen Uhr erkennen lassen.

Anbieter wie Frédérique Constant oder TAG Heuer geben indess unumwunden zu, dass ihr Jahresergebnis 2016 schlechter aussehen würde, wäre die Smartwatch nicht gewesen. Die Fossil Group gar setzt bei der Marke „Michael Kors“ ab sofort ausschließlich und nur noch auf dieses Pferd und gibt sich als Ziel vor, zur weltweiten Nummer Zwei bei den Smartwatches aufzusteigen. An gesundem Ehrgeiz und Selbstbewußtsein herrscht an dieser Stelle zumindest kein Mangel.


Im Bild:
Samsung Gear S3 mit einem hochauflösendem absolut pixelfreien und brillanten AMOLED-Display

Insofern wird das Angebot speziell in der Einsteigerpreisklasse mehr und mehr von smarten Produkten dominiert werden. Das ist gut und gefährlich zugleich. Gut für jene Anbieter, die hier etwas im Sortiment haben, gefährlich hingegen für all jene, die in diesem preissensitiven Segment unbeirrt an Quarz- oder einfacher Mechanik, zunhemend ausgestattet mit billigen Kunststoffuhrwerken, festhalten. Das kann gut gehen, muss aber nicht.

Im Bereich der höherpreisigen Modelle dominiert qualitativ hochwertige Mechanik und das wird auch so bleiben. Selbst der eingefleischte Nerd, der Freude an seiner Apple, Samsung, Garmin oder Whatever Watch hat, weiß, dass sein gutes Stück nach spätestens 2-3 Jahren out of the Game ist. Will auch er eines Tages sich etwas Nachhaltiges zulegen, kommt er vielleicht auch auf den Hund und mithin zu bodenständiger Mechanik, dann aber bitte ohne irgendwelchen High-Tech Firlefanz von dem heute kein Mensch weiß, wie nachhaltig dieser wirklich ist. Da ist dann doch eher die jahrhundertealte traditionelle Uhrmacherei gefragt, wie sie für vernünftiges Geld in Deutschen Landen beispielsweise bei Junghans, Sinn, Nomos und Mühle Glashütte oder natürlich „Swiss Made“ bei vielen etablierten und zunehmend auch preisbewusster agierenden Marken erworben werden können.

Hat jemand ein (sehr viel) größeres Budget zur Verfügung, so haben wieder Uhren der kleinen Manufakturen das Sagen, die in diesem Jahr in Halle 1.2 im Bereich von „Les Ateliers“ sowie wieder um den Stand des AHCI herum in Halle 2.0 untergebracht waren.

 


Im Bild:
Damenuhr von ArtyA (Ivan Arpa), dem Designer der Samsung Gear S3, aus der Kollektion „Son of Art“

Angefangen bei Uhren aus dem Motorsport Rennstall Rebellion, auf deren Stand ein Montageroboter für Erstaunen vor allem beim jungen Publikum gesorgt hat, bis hin zu Einzelstücken des Designers Ivan Arpa, der auch für die Samsung Gear S3 verantwortlich zeichnet.


Im Bild:
Montageroboter am Stand von Rebellion

 


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Rebellion Asymmetric Flying Double-Axis Tourbillon

Die kleine, aber sehr feine Uhrenmarke Pierre deRoche aus dem Vallée de Joux, hatte seine neue TNT GMT mit sandfarbenem Zifferblatt und darauf Ton in Ton abgestimmten Lederband der allerhöchsten Qualitätsstufe mit dabei. Der Preis von rund 14.000 CHF ruft aber auch nach zahlungskräftiger Klientel. Pierre Dubois, der CEO von Pierre deRoche wird zudem Mitte des Jahres die Geschäftsleitung von Dubois-Dépraz, dem bekannten Hersteller von komplizierten Uhrwerksmodulen, übernehmen.


Im Bild:
Pierre deRoche (von links) Chronograph Splitrock Big Numbers, TNT GMT Power Reserve (Traditional Style), TNT GMT Power Reserve (Sand Coloured)

 

 

Im Bild: Pierre deRoche TNT GMT Power Reserve (Sand Coloured)

Aber auch der Standort Deutschland kann mit seiner exklusiven Manufaktur Lang & Heyne in diesem exklusiven Umfeld Punkte einfahren. Das Modell „Georg“ im rechteckigen Formgehäuse kann mit einem traumhaft schönen Uhrwerk aufwarten, welches keine Brücken, sondern nur Kloben aufweist. Etwas für den Kenner und absoluten Feinschmecker. So etwas gibt es sonst nicht!


Im Bild:
Lang & Heyne, Modell „Georg“

 


Im Bild:
Lang & Heyne, Modell „Georg“

Ein Erlebnis der ganz besonderen Art ist es immer wieder, bei MB&F vorbeizuschauen. Die neue Tischuhr mit dem vielversprechenden Namen „Destination Moon“ ist eine Kreation, die zusammen mit den Spezialisten für Großuhren l´Epée realisiert wurde. Ein Spielzeug für Manager und echte Männer. Selbst der Astronaut Neil Amstrong lässt sich auf verschiedene Positionen an der Landungsleiter einhängen.


Im Bild:
MB&F „Destination Moon“

 


Im Bild:
MB&F „Destination Moon“ mit Neil Amstrong

Zum Abschluß legen wir noch die neue traumhaft gestaltete MB&F Aquapod ans Handgelenk. Wer sich die „Destination Moon“ zulegt, könnte auch bei dieser fulminanten Kreation schwach werden.


Im Bild:
MB&F Horological Machine HM7 Aquapod

 

Schlußbetrachtung:

Fest steht, die Welt der feinen Uhren ist wieder ein Stück bunter und in Angebot und Nachfrage anspruchsvoller geworden. Fassen wir die wesentlichen Trends kurz zusammen

  • die sorgfältige Pflege und Neuauflage sowie teilweise Neuinterpretation zahlreicher Vintage-Modelle,
  • kräftige Farben und zum Teil mutige Designs, Langeweile war gestern
  • die Uhren werden tendenziell wieder kleiner und zierlicher, insbesondere auch für Damen
  • zahlreiche kostenoptimierte, attraktive Angebote
  • weitere steigende Preise sind eher die Ausnahme als die Regel
  • vermehrter Einsatz von Silizium im Uhrwerksbau, selbst bei den Einstiegsmodellen
  • aus Kostengründen leider auch vermehrter Einsatz von Kunststoffen bei einfachen mechanischen Uhrwerken
  • die Swatch Group offeriert zahlreiche, vergleichsweise preiswerte Modelle mit Chronometerzertifikat
  • in den oberen Preislagen finden sich TOP-Modelle in erstklassiger Qualität und mit zum Teil atemberaubenden Designs
  • Die smarten Uhren sind zu einem festen Bestandteil des Portfolios mittlerweile zahlreicher Hersteller geworden
  • Die „normalen“ Quarzuhren geraten durch smarte Erzeugnisse mehr und mehr unter Druck
  • Rund 200 Aussteller haben die Messe verlassen, aber neue Aussteller wie Samsung, Intel, MyKronoz oder Kronaby kommen hinzu und zeigen, wo die Reise in einer immer smarter werdenden, vernetzten Welt hingehen wird.

Die Baselworld stellt sich dem Wandel der Zeit, insofern blicken wir voller Spannung auf die weitere Entwicklung im laufenden Jahr und freuen uns, trotz aller Sorgenfalten auf der Stirn, schon heute auf die Baselworld 2018, die dann allerdings im Interesse der Kostenoptimierung um zwei Tage gekürzt wird. Auch hier eine erfolgreiche Lessons Learned!

Save the Date: Die nächste Baselworld findet statt vom 22.03- 27.03.2018

 

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One thought on “Baselworld 2017: Wo viel Licht ist, ist auch Schatten

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