Die Sideshows rund um die SIHH 2017 in Genf waren nicht nur geprägt von den eindrucksvollen Auftritten der LVMH Group oder der 25-Jahrfeier von Franck Muller, sondern auch von zahlreichen kleinen Manufakturen, die sich in den am Genfer See aneinanderreihenden Hotels eingemietet haben und dort ihre prachtvollen Stücke vorzeigten.

 

 

Auf die Frage, weshalb denn Aussteller so zahlreich nicht auf die SIHH gehen, sondern sich stattdessen außerhalb der SIHH in eigener Regie organisieren, werden unterschiedliche, aber doch erstaunlich klare Antworten gegeben. Den einen ist die Nähe zur Groupe Richemont und den damit verbundenen Vorgaben aus vergangenen Tagen ein Dorn im Auge, andere beklagen die unverständliche Position der Messeleitung, die dem ein oder anderen Aussteller die Teilnahme verwehren, da er angeblich die strengen Vorgaben der Haute Horlogérie nicht einhalten würde.

Wenn aber einige Marken der Groupe Richemont neben hochwertigen mechanischen Modellen auch ihre Quarz- Modelle oder solche mit einfachen ETA- oder Sellita-Kalibern vorstellen, dann entspricht das offensichtlich schon den strengen Vorgaben der Haute Horlogérie. Geht´s noch?

 

 

Immerhin hat es die SIHH dieses Jahr erstmalig geschafft – und das wurde im Vorfeld als ganz große Novität ausgelobt – am letzten Tag, bevor die Messebauer schon in Bereitschaft stehen, um mit dem Abbau des ganzen Spektakels zu beginnen, und alle wichtigen Persönlichkeiten bereits längst die Heimreise angetreten haben, dem „normalen“ Kunden und Uhrenliebhaber für den stolzen Betrag von 70 Schweizer Franken kurz vor Sendeschluss noch rasch Einlass zu gewähren.

Er kann dann im Galopp durch die Hallen eilen und sich beeindrucken lassen. Allein hier wird ersichtlich, welche Wertschätzung der Kunde erfährt, der zigtausende oder besser noch hunderttausende von EUROS, Dollars oder Schweizer Franken für eine der ausgestellten Preziosen aufwenden soll, um sie später einmal sein Eigen nennen zu dürfen: Nämlich rein gar keine! Entsprechend lässt das Interesse an der Messe auch sicht- und spürbar nach.

 

 

Man muss diese Politik aus anderen Tagen weder verstehen noch weiter diskutieren. Die Zeit wird es richten. Diese Form der Geschäftstätigkeit hat sich überholt. Der Kunde ist wieder der König, nicht der Aussteller oder eine weltfremde Messeorganisation.

Andere machen es anders, nehmen sich Zeit für ihre Kunden und pflegen dem Zeitgeist entsprechend, möglichst vielfältige Kontakte zur Außenwelt.

 

 

So auch bei den unter dem Zeichen „Crownology Lab“ auftretenden Uhrenmanufakturen. Im stilvollen Hotel Beau Rivage, am Quai du Mont-Blanc, dort, wo auch das Schiff von TAG Heuer, Hublot und Zenith lag, haben „Louis Moinet“ und die „Manufacture Royale“ ihre wunderschönen Stücke echter Haute Horlogérie in gediegener und ruhiger Atmosphäre präsentiert.

 

Manufacture Royale

 

Nicht in der Glasvitrine, nein zum Anfassen, Anfühlen, Anlegen, so wie der Automobilhersteller auf der Messe (egal ob Autosalon Genf oder IAA Frankfurt) die Kunden bittet, einzusteigen, Platz zu nehmen, kurzum, sich wohl zu fühlen.

Wie erzählte uns vor einiger Zeit ein kleiner, aber feiner Hersteller anspruchsvollster Uhren: „Wir bauen Uhren für die Kunden danach“. „Der Kunde danach ist jener Kunde, der satt ist von den ganzen Mainstream-Marken, deren Plakate überall hängen. Er besitzt diese Marken schon alle und sucht nun etwas wirklich Ausgefallenes, etwas ganz Anderes.“

Das dürfte auch der Antrieb für die Kunden sein, die sich bei der „Manufacture Royale“ oder bei „Louis Moinet“ einfinden.

 

 

Beginnen wir mit unserem fotografischen Rundgang bei der „Manufacture Royale“.

Die Wurzeln der Manufaktur reichen zurück ins Jahr 1770. Kein geringerer als der große französische Philosoph Voltaire hat die Manufacture Royale gegründet. Die Marke verschwand dann aber, wie so viele andere und wurde erst 2010 wieder belebt. Heute hat die Manufacture Royale ihren Firmensitz in Vallorbe, etwa 10 km nordwestlich des Vallée de Joux gelegen.

Dort betreibt die Uhrenmanufaktur einen modernen Maschinenpark und fertigt Präzisionsteile nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern vor allem im Lohnauftrag für eine ganze Reihe bekannter Namen.

Eines der Highlights ist das Modell „1770 Micromegas Revolution“. Das Manufakturkaliber MR 08 ist als Doppeltourbillon konstruiert.

 

 

Allein diese Komplikation stellt schon eine Herausforderung dar. Die Besonderheit liegt aber nun darin, dass das links angeordnete schnelllaufende Tourbillon sich alle 6 Sekunden um die eigene Achse dreht, wohingegen dies beim benachbarten auf der rechten Seite nur alle 60 Sekunden der Fall ist.

 

 

 

Der automatische Aufzug erfolgt durch einen vorne liegenden Mikrorotor. Die Anzeige der Zeit – bei einer Uhr nicht ganz unwichtig – wird durch zwei versetzt angeordnete Scheiben bewerkstelligt.

Ein weiteres Modell, das es uns angetan hat: Manufacture Royale „1770 Haute Voltige“.

 

 

Bei dem aus 191 Einzelteilen bestehenden Kaliber MR 07 befindet sich die gesamte Hemmungsbaugruppe mit ihrer auffallend großen und in roter Farbe gehaltenen Unruh ganz unspezifisch oberhalb des Zifferblattes.

 

 

 

Ganz neu im Programm ist das Modell „1770 Flying Tourbillon Squelette“, wahlweise im Stahl-, oder Goldgehäuse.


Im Bild: 1770 Flying Tourbillon Squelette im Goldgehäuse

 

Alle Brücken und Kloben sind in einem warmen, schokoladefarbenen Ton gehalten. Das ganze Ensemble wirkt dabei ungemein luftig und leicht, trotz des dominant gehaltenen Gehäuses.

Auch im eher kühl wirkenden Stahlgehäuse bleibt der warme Farbton des Uhrwerks erhalten.

 

Im Bild: 1770 Flying Tourbillon Squelette im Stahlgehäuse

 

Das fliegende Tourbillon dreht sich in der Minute einmal um die eigene Achse und läuft in verschleißfesten Keramiklagern. Das Ankerrad, wie auch der Anker selbst, sind aus Silizium gefertigt und benötigen daher keine Schmierung.

 

Auch die Rückansicht des mit 4 Tagen Gangautonomie aufwartenden Werkes ist eine Augenweide

Wir waren von der technischen und gestalterischen Vielfalt der gezeigten Modelle beeindruckt. Diese zeigen einmal mehr, dass es zur kompetenten Realisierung auch komplexester Konstruktionen nicht zwingend großer Konzerne bedarf. Mit dem nötigen Willen und der erforderlichen Schaffenskraft sind auch kleine Unternehmungen zu erstaunlichen Leistungen fähig. Und der „Kunde danach“ erhält ein einzigartiges Stück Uhrmacherkunst, welches sonst garantiert kein weiterer im näheren Umfeld sein Eigen nennt.

 

 

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