Die Nachrichten über die schwierige Situation der Uhrenindustrie im Allgemeinen und den Schweizer Luxuskonzernen im Besonderen reißen nicht ab. Ist bereits seit knapp einem Jahr durch Gewinnwarnungen, Firmenverkäufe und die stetig nach unten zeigenden Exportzahlen, welche von den Schweizer Zollbehörden Monat für Monat bekannt gegeben werden, auch dem letzten Optimisten klar geworden, dass der Höhenflug der Schweizer Uhrenindustrie seinen Umkehrpunkt durchschritten hat, so bringen die nun fast wöchentlich eintreffenden Schlagzeilen das wahre Ausmaß des Desasters immer mehr ans Tageslicht.

 

 Rücknahme von unverkauften Uhren

Nicht nur, dass es zu Stellenabbau, begleitet von lautstarken Protesten seitens der Beschäftigten und deren Arbeitnehmervertreter kam, es ist auch seit längerem bekannt, dass insbesondere die Groupe Richemont aus besonders kritischen Märkten – vorrangig in Asien – Lagerbestände zurück nimmt und damit das Geschäftsergebnis sichtbar belastet.

Die von Bloomberg publizierten Zahlen zeigen, dass die Quote der zurück genommenen Ware ein bislang nie dagewesenes Ausmaß angenommen hat.

Die Grafik zeigt anschaulich, wie die Menge der zurückgenommenen Uhren seit 2015 exponentiell ansteigt. Mit einer Rücknahmequote von mehr als 8% erreicht der Wert nach Berechnungen von Bloomberg in 2016 ein Volumen von rund 1,3 Mrd US$.

Unserer Einschätzung nach geben diese offiziellen Zahlen das wahre Ausmaß jedoch nur unvollkommen wieder. In dieser Grafik sind nur jene Mengen erfasst, die den Weg zurück in die Schweiz finden. Es ist aber auch bekannt, dass große Mengen unmittelbar in den grauen Markt abfließen und über spezialisierte Händler so diskret wie nur möglich in andere Kanäle und damit Märkte umgeleitet werden. Dieses direkte Umlenken von bereits ausgelieferten Warenströmen erfolgt außerhalb der Schweiz und wird von den Schweizer Behörden somit nicht erfasst. Wie hoch dieser „graue“ Anteil ist, darüber kann nur spekuliert werden.

Fakt ist, dass der graue Markt damit stark anwächst und über bekannte Internetportale „angegraute Neuware“ mit erheblichen Abschlägen angeboten wird.

 

 Hohe Lagerbestände

Ein weiteres Problem sind die hohen Lager- und Umlaufbestände insgesamt. Nicht nur, dass die Groß- und Einzelhändler kaum noch Ware abnehmen – und im Gegenteil – siehe obige Grafik, unverkäufliche Ware zurückgeben – auch die Läger der Hersteller selbst sind randvoll.

Haben beispielsweise Richemont und LVMH zumindest Schritte eingeleitet, die Produktion den veränderten Gegebenheiten anzupassen und versuchen, eine Umlaufmenge von rund einem Jahresbedarf durch ein ganzes Bündel an Maßnahmen einigermaßen konstant zu halten , so scheint die Swatch Group einen völlig anderen Weg eingeschlagen zu haben.

Das Unternehmen hat bereits in der Finanzkrise 2008/2009 die Produktion nicht nennenswert zurückgefahren, sondern im Glauben an bessere Zeiten auf Halde produziert. Gut für die Beschäftigten, da es zu keinen nennenswerten Anpassungen im Personalsektor kam; der unübersehbare Nachteil dieser Vorgehensweise war und ist jedoch, dass der erhöhte Lagerbestand in guten Zeiten nur langsam wieder abschmolz und mit einer erhöhten Kapitalbindung einhergeht.

Bereits seit 2014, also noch vor dem Zeitpunkt als mit Freigabe des Schweizer Frankens gegenüber wichtigen externen Währungen, die Konsumlaune weiter einbrach, baut die Swatch Group wieder beträchtlich Lagerbestand auf und erreicht mittlerweile einen Wert von rund 3 Jahren (in Worten drei Jahren). Das kommt auf längere Sicht einem betriebswirtschaftlichen Selbstmord gleich. Ob der von der Swatch Group für 2017 vorhergesagte Wandel zum Besseren denn tatsächlich eintrifft, ist nach derzeitiger Einschätzung der Lage jedoch mehr als fraglich.

 

Weitere Preiserhöhung angekündigt

Um dem ganzen noch die Krone aufzusetzen, hat die ETA für 2017 eine Preiserhöhung bei mechanischen Werken angekündigt. Zwischen der Swatch Group und der Schweizer Wettbewerbskommission ist ein offener Disput ausgebrochen, über die in 2013 beschlossenen Vereinbarungen zur Belieferung von Drittkunden (Kunden außerhalb der Swatch Group).

Nun kommt es, entgegen der ursprünglichen Annahme, es stünde eine Verknappung ins Haus, tatsächlich aber zu einem erheblichen Überangebot. Einerseits gibt es neben der ETA zwischenzeitlich eine Reihe weiterer Hersteller und Anbieter von mechanischen Swiss Made Uhrwerken, andererseits lässt die Nachfrage insgesamt spürbar nach. Das ist eine weitere Erklärung für die stetig wachsenden Lagerbestände bei der Swatch Group. Nun möchte die ETA mit einer neuerlichen Preiserhöhung kontern. Das ist die falsche Antwort zur falschen Zeit.

 

Fassen wir kurz zusammen:

Sowohl die Rücknahme von nicht verkaufter Lagerware in einer bislang nie dagewesenen Höhe als auch Lagerbestände von noch nicht ausgelieferter Ware, die eine Reichweite von bis zu 3 Jahren aufweisen, sind ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Verantwortlichen die aufziehenden Gewitterwolken lange ausgeblendet und viel zu spät die dringend erforderlichen Korrekturen eingeleitet haben. Wird nun gar die Produktion weiterhin nicht gedrosselt und der Versuch unternommen, den Umsatzausfall wegen sinkender Abnahmemengen über eine Preiserhöhung auszugleichen, so kommt das einer letzten Fahrt auf dem Crashkatapult schon ziemlich nahe.

 

Der Autor:

Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor für hochwertige Uhren und neue Technologien.

 

Links und Quellen:

 

 

 

 

 

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