Dubois-Dépraz, ein Name, der manchem Liebhaber einer komplizierten mechanischen Uhr ein Begriff ist. Aber so genau wissen dann doch viele nicht, wer und was sich dahinter verbirgt. Manch einer meint, das sei eine eigenständige Uhrenmarke, ein anderer, das sei ein Schweizer Hersteller von komplizierten mechanischen Uhrwerken.

Nun, von allem ein wenig und auch noch ein bisschen mehr. Um tatsächlich aus erster Hand zu erfahren und zu sehen, wer und was Dubois-Dépraz genau ist, haben wir uns auf den Weg gemacht, sind einmal mehr in die Schweiz, in das Vallée de Joux gereist, dem bekannten und berühmten Tal der Uhrmacher.

Das Vallée de Joux umfasst insgesamt drei Gemeinden mit etwa 6500 Einwohnern, fast gleichviel wie vor hundert Jahren. Das Gebiet besitzt eine starke Wirtschaftskraft: 6600 Arbeitsplätze, davon 75 % im industriellen Bereich, bei einer der größten Arbeitsdichten in Europa.

 

 

Der wirtschaftliche Einfluss des Vallée de Joux ist enorm wichtig für den Kanton Waadt. 1 % der waadtländischen Bevölkerung stellt mehr als 10 % der Exporte des ganzen Kantons her. Als Wiege der Schweizer Uhrenindustrie seit mehr als 200 Jahren beheimatet sie heute weltbekannte Marken von Luxusuhren, einige renommierte davon sind: Audemars Piguet, Blancpain, Breguet, Jaeger LeCoultre, Patek Philippe, Bulgari, Vacheron Constantin, Philippe Dufour und einige weitere. Aber auch neue Marken wie Pierre DeRoche oder Romain Gauthier finden ihren Platz in diesem kleinen Tal.

Die Geschichte von Dubois-Dépraz begann am 1. Januar 1901, vor 115 Jahren. Marcel Dépraz, der Urgrossvater der heutigen Direktion, eröffnete sein erstes Uhrmacher Atelier im ersten Stock der Familien-Bäckerei an der Grand-Rue 12 in Le Lieu.

 

 

Er gründet die Firma „Marcel Dépraz – Société individuelle, fabrication et posage de mécanismes en tous genres “ und wird einige Monate später an der „Exposition Cantonale Vaudoise“ mit einer ersten Goldmedaille ausgezeichnet. Um die Produktionskapazität zu steigern, tut er sich im Jahr 1911 mit seinem Schwager Marius Guignard zusammen. Ein zweites Unternehmen entsteht: „Dépraz & Guignard“.

Die Unterstützung seines Schwiegersohns Reynold Dubois im Jahr 1937 kommt Marcel Dépraz gelegen, denn seine zwei Unternehmen brauchen Verstärkung. Das Resultat dieser Zusammenarbeit lässt nicht lange auf sich warten: Der Chronograph 13 ¾, Kaliber 48, wird zur Serienreife gebracht und bis in die 70er Jahre zu mehr als 4 ½ Millionen mal produziert. Die Fusionierung beider Unternehmen im Jahr 1947 ist der Beginn von Dépraz & Cie.

Dort richtet sich Gérald Dubois, Enkelsohn des Firmengründers, als junger Uhrmacher und Ingenieur im Jahr 1956 ein technisches Büro ein. 1967 wird der erste Chronograph der Welt mit automatischen Aufzug und exzentrischem Mikrorotor vorgestellt. Der Modul-Chronograph, Kaliber 11-12 Chrono-Matic, wird als umfangreiches Patent angemeldet.

 

 

Mit der Verleihung der Vermeil Medaille und dem Diplom der Erfinderausstellung in Brüssel (Salon des Inventeurs de Bruxelles) tritt Dépraz & Cie im Jahr 1969 mit dieser Erfindung aus seinem eigenen Schatten heraus. Zehn Jahre nach Gérald Dubois, steigt auch sein Cousin Eric Dépraz, ein Enkel des Gründers, in das Familienunternehmen ein und erhält den Auftrag, eine eigene mikromechanische Division außerhalb des Uhrenbereichs, zu entwickeln.

Nach mehr als 30 jähriger hervorragender Zusammenarbeit der beiden Familien wird 1968 aus „Dépraz & Cie“ nun „Dubois & Dépraz SA“. Trotz der schwierigen 70er Jahre entwickelt Dubois-Dépraz schon bald wieder eine Weltneuheit: Nämlich ein Chronographenmodul, auf Basis eines Stimmgabel-Werkes.

In Anbetracht der in dieser Zeit insgesamt ungünstigen äußeren Umstände, der damit verbundenen schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung und in Folge fehlender gemeinsamer Interessen, trennen sich die beiden Direktoren. Gérald Dubois kaufte die Gebäude im Februar 1979 zur Gänze und übernahm einen großen Teil der Belegschaft.

Die zu dieser Zeit verheerenden Umstände in der Uhrenindustrie stürzten zahlreiche Manufakturen in den Konkurs. Aber das große Innovationstalent von Gérald Dubois führt im Jahr 1983 zur Entwicklung des wegweisenden Chronographenmoduls Kaliber 2000, ideal einsetzbar in mechanischen wie auch in Quarzuhrwerken.

 

 

Auch diese geniale Idee wird patentiert und das neue Konzept wird in der Welt der Uhrmacher mit großem Interesse aufgenommen. Es ist auch heute noch das entscheidende Leitprodukt von Dubois Dépraz und wurde mehr als zwei Millionen mal produziert.

Die Söhne von Gérald Dubois kommen nun in vierter Generation dazu und stehen ihm zur Seite.

 

 

1987 tritt Jean-Philippe Dubois (auf dem Bild links) in das Familienunternehmen ein, gefolgt von seinem Bruder Pascal Dubois (auf dem Bild rechts) im Jahr 1992. Ebenfalls in den 90er Jahren kommen die Cousins der beiden Brüder hinzu, zuerst Stéphane, danach Claude-Alain Berthoud.

Im Jahr 1995 traf Dubois-Dépraz die Entscheidung, einen Katalog zu entwerfen, um die Vielzahl der mittlerweile entwickelten und verfügbaren Funktionsmodule zu erfassen und zu präsentieren. Dieser Entschluss war der Beginn einer wichtigen Entwicklung von Dubois Dépraz in der Uhrenbranche, denn schon wenige Jahre später zählen mehr als 50 bedeutende Marken zu den Kunden.

Die letzten zehn Jahre waren geprägt vom Bau der neuen Fabrikation „La Combe“ in Le Lieu

 

 

und der Übernahme von DPRM SA in Arch (BE), einem Spezialisten für Fassondreherei, sowie Zahnräder und Triebe.

 

 

Dieser strategische Schachzug ergänzt und stärkt das technische Potenzial, vor allem wird damit die Abhängigkeit von konzerngebundenen Lieferanten ganz erheblich reduziert. Die Zusammenarbeit der beiden Unternehmen sichert größtmögliche Unabhängigkeit und ermöglicht es Dubois-Dépraz als echte Manufaktur von komplizierten Uhrwerken aufzutreten.

Heute beschäftigt die Gruppe Dubois-Dépraz in Le Lieu rund 250 Personen und mehr als 50 Mitarbeiter in Arch, bei Grenchen.

Das aktuell angebotene Produktspektrum für Kunden des mittleren und oberen Marktsegments sind im wesentlichen:

  • Chronographenmechanismen mit diversen Anzeigen, mit oder ohne ewigen Kalender.
  • Spezielle Mechanismen für die Anzeige von Tagen, Monaten, Schaltjahren, Mondphasen, Sonnenauf- und Untergang, Gezeiten, Zeitzonen, GMT, springende Stunden, Regulatoren, Mechanismen für Regatten, Polouhren, usw.
  • Minuten- Viertelstunden- und Fünfminutenrepetitionswerke, ultraflache Mechanismen, komplizierte Taschenuhrwerke, usw.

 

 

Die von Dubois-Dépraz entwickelten modularen Zusatzmodule basieren häufig auf dem Kaliber ETA 2892, welches sich aufgrund seiner flachen Bauweise, aber auch seines hohen Drehmoments hervorragend für das Aufsetzen von Funktionsmodulen auf der Zifferblattseite für eine Vielzahl von Komplikationen eignet. Die von Dubois-Dépraz konsequent betriebene Modulbauweise erlaubt zudem eine große Funktions- und Variantenvielfalt. Dubois-Dépraz verwirklicht dabei sehr konsequent eigene Ideen und bietet diese seinen Kunden an. Insofern versteht man sich in Le Lieu durchaus als Trendsetter, ist jedoch auch stets offen für Ideen bzw. Aufgabenstellungen von Seiten der Kunden.

Seit rund fünf Jahren kommen aus Kostengründen auch vermehrt die Kaliber ETA 2824 bzw. SW 200 von Sellita als Basiswerke zum Einsatz, um einer Reihe von Kunden auch bei preissensiblen Applikationen bezahlbare technische Lösungen bieten zu können.

Für Einsatzfälle im höheren Preissegment finden als Grundlage für einen Modulaufsatz dann häufig herstellereigene Manufakturkaliber Verwendung.

 

 

Dubois-Dépraz besitzt eine sehr hohe Fertigungstiefe, die beim hauseigenen Werkzeugbau beginnt. Die hierfür erforderlichen modernen und mit höchster Präzision arbeitenden Werkzeugmaschinen für Fräsen, Bohren und Erodieren sind in dem Neubau „La Combe“ untergebracht, der nach modernsten Gesichtspunkten auf der grünen Wiese errichtet wurde.

Dort treffen wir dann auch auf die Einzelteilfertigung von Platinen, Brücken, Hebeln und Federn. Rotationssymmetrische Teile wie Wellen, Triebe und Zahnräder werden hingegen arbeitsteilig bei DPRM in Arch gefertigt.

Die Fertigung von Einzelteilen, die in hoher Stückzahl benötigt werden, erfolgt, wenn immer möglich, im Stanzverfahren. Um fallweise Anforderungen höchster Genauigkeit zu erfüllen bzw. Einzelteile herstellen zu können, deren außergewöhnliche Geometrie eine besondere Herausforderung an die Fertigungsgenauigkeit stellen, kommt ein zweistufiges Stanzverfahren zur Anwendung. Die Bauteile werden zunächst mit geringem Übermaß vorgestanzt um dann in einem zweiten Arbeitsgang, mittels Vibrations-/ Präzisionsstanzen, auf Endmaß gebracht zu werden. Dies ist ein extrem aufwendiger Herstellprozess, da die bereits vereinzelten Teile nochmals händisch aufgenommen und für die Nachbearbeitung in das Werkzeug zum Nachstanzen eingelegt werden müssen.

 

 

Platinen und Brücken werden meist auf Mehrachsen CNC Fräsmaschinen spanabhebend bearbeitet. Bei hohen Stückzahlen schaltet Dubois-Dépraz, je nach Anwendung, auch schon einmal mehrere Bearbeitungszentren in Reihe und transportiert die zu bearbeitenden Teile gegurtet von einer Station zur nächsten. So können für hohe Stückzahlen ohne Umrüsten auch komplexe Arbeitsgänge vollautomatisch und vernetzt durchgeführt werden.

 

 

Besonders filigrane Einzelteile, für die aufgrund ihrer Geometrie oder Baugröße, das Stanzverfahren nicht in Frage kommt, werden auf modernsten Drahterosionsmaschinen gefertigt.

In weiteren Arbeitsgängen durchlaufen die vorgefertigten Einzelteile zusätzliche Bearbeitungsschritte, die der optischen, aber auch funktionalen Aufbereitung bzw. Veredelung dienen. Je nach Qualitätsanforderung werden die Oberflächen noch nachbearbeitet, poliert, oder mit Schliffen versehen. Platinen erhalten zumeist eine Perlage, die halbautomatisch aufgebracht wird. Zahnräder hingegen werden mit dem hochwertig anmutenden Sonnenschliff versehen. Die unterschiedlichsten Arten von Hebel werden auf Hochglanz poliert oder alternativ mit Streifenschliff versehen.

Auch das von der Haute Horlogérie her bekannte aufwendige Anglieren von Kanten ist bei Dubois-Dépraz anzutreffen und kommt für High-End Module zur Anwendung.

 

 

Die Vielzahl von fertiggestellten Einzelteilen wird logistisch aufbereitet und in entsprechenden Lagersystemen verwahrt. Dort warten Sie, bis sie zur Montage der jeweiligen Funktionsmodule benötigt und abgerufen werden.

 

 

Nach der Montage durchläuft jedes Funktionsmodul aufwendige Tests, im Rahmen derer die volle Funktionalität abgeprüft wird. Das Aufsetzen des Funktionsmoduls auf das zu 100% vorgeprüfte Basisuhrwerk erfolgt ebenfalls durch Dubois-Dépraz.

 

 

Dies hat den Vorteil, dass der Uhrenhersteller ein funktional vollständig abgeprüftes Uhrwerk erhält. Handelt es sich um Industriewerke von ETA oder Sellita, so beschafft Dubois-Dépraz diese in aller Regel selbst und liefert dem Kunden dann ein Werk mit zusätzlichen Komplikationen aus. Möchte der Uhrenhersteller hingegen ein hauseigenes Kaliber zum Einsatz bringen, so kann dieser das Werk bei Dubois-Dépraz anliefern und um die gewünschten Komplikationen erweitern lassen.

Nach dem Ausliefern der komplettierten und zu 100% geprüften Uhrwerke übernimmt der Uhrenhersteller wieder die Verantwortung. D.h. das Aufsetzen des Zifferblattes und der Zeiger sowie das Einschalen ins Gehäuse erfolgt in dessen Räumlichkeiten. Dies gilt zumeist auch für den After Sales Service. Kommt eine Uhr mit von Dubois-Dépraz beigesteuerten Komplikationen nach Jahren des Gebrauchs zur Revision, so führt diese Arbeiten der Uhrenhersteller in aller Regel selbst durch. Dazu führt Dubois-Dépraz entsprechende Schulungen durch.

 

 

Es besteht aber auch die Möglichkeit, das Funktionsmodul vom Basiswerk zu trennen und dieses dann direkt bei Dubois-Dépraz revidieren zu lassen. Je nach Philosophie des Uhrenherstellers wird der eine oder andere Ablauf bevorzugt.

Die eingangs gestellte Frage unter Uhrenliebhabern, wer oder was ist Dubois-Dépraz, kann jetzt sehr präzise beantwortet werden. Es handelt sich um ein familiengeführtes, unabhängiges Unternehmen der Uhrenbranche, welches zu einem der wichtigsten Zulieferer für die verschiedensten Arten von Komplikationen für mechanische Uhrwerke geworden ist und zwar unabhängig ob für standardisierte Industriekaliber- oder die in einer immer größer werdenden Vielfalt anzutreffenden Manufakturkaliber. Die Wahrscheinlichkeit, beim Tragen einer Uhr mit erweiterter Funktionalität, sprich zusätzlichen Komplikationen, ein Modul von Dubois-Dépraz am Handgelenk zu tragen, ist also gar nicht so gering.

 

 

Der Autor:
Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert ist als Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor für hochwertige Uhren und neue Technologien.

 

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