Die INHORGENTA ist immer wieder ein guter und nützlicher Treffpunkt für Anbieter, Aussteller und Kunden von Zubehör und Werkstatteinrichtungen für Uhrmacher. In diesem dritten Teil unserer Berichterstattung über die INHORGENTA 2016 beleuchten wir die seit Januar 2016 in Kraft gesetzten erweiterten Beschränkungen beim Bezug von Ersatzteilen aus der Swatch Group und versuchen daraus auch eine Einschätzung für das Uhrmacherhandwerk im Generellen abzuleiten.

Nur wenige Berufe verfügen über eine so lange Tradition wie das Uhrmacherhandwerk. Viele Berufe kommen und gehen wieder. Manche überleben nicht einmal eine Generation. Das Uhrmacherhandwerk hingegen hat sich über Jahrhunderte gehalten und ist auch heute noch eine Überlegung wert, wenn junge Leute nach einer interessanten und nachhaltigen Berufsausbildung Ausschau halten.

Neben profunden physikalischen und mathematischen sind auch Kenntnisse der Chemie gefragt. Ein solider naturwissenschaftlicher Hintergrund ist also Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Ausbildung.

Dann kommt aber noch enormes handwerkliches Geschick, viel Ruhe und Geduld und ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen hinzu. Somit also ein rundum anspruchsvolles Handwerk. Die Quartzkrise in den 1980er Jahren hat den Berufsstand und den Nachwuchs stark verunsichert und in der Folge dezimiert. Die Nachwirkungen sind noch heute zu spüren. Es fehlt nahezu eine ganze Generation an Uhrmachern. Die Renaissance der Mechanik Ende der 1990er Jahre hat dann wieder eine Trendumkehr eingeläutet, der der Nachwuchs jedoch kaum folgen konnte. Die Trägheit, wie in jedem System, verhinderte eine schnelle Rückkehr zur alten Stärke. Abbau geht in der Regel rasch, der Wiederaufbau hingegen benötigt Zeit.

Das könnte sich nun erneut zum Negativen ändern. Nicht nur wie in Teil 2 des Besuchsberichtes bereits ausführlich behandelt, wird sich der Uhrenmarkt in der nahen und ferneren Zukunft mit der fortschreitenden Digitalisierung und dem zunehmenden Auftritt von Connected und Smartwatches wandeln, gleichzeitig aber auch bereichern.

Den klassischen Inhalten gesellen sich nun neue Themen, die eher aus der IT-Branche stammen, hinzu. Vergleichbar etwa dem Mechatroniker im Automobilhandwerk, ein Berufsbild, was es auch erst seit der jüngeren Zeit gibt. Hier sind die Verbände gefragt, die Ausbildungsinhalte zu überprüfen und an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Diesem ganz normalen Wandel gesellt sich aber ein weiteres, hausgemachtes Problem hinzu. Die Swatch Group hat ihre Androhung wahr gemacht und beliefert seit 01. Januar 2016 den Fachhandel und Großhandel nicht mehr mit Ersatzteilen. Dies trifft insbesondere die zu Millionen auf dem Markt befindlichen Uhren, welche mit mechanischen Uhrwerken aus dem Hause ETA ausgerüstet sind.

Wir sprachen zu diesem Themenkomplex u.a. mit dem Geschäftsführer einer bedeutenden Technikgroßhandlung.

Ähnlich wie bereits zuvor die Groupe Richemont glaubt nun auch die Swatch Group ihren Kunden etwas Gutes damit zu tun, dass diese ihre Uhr nicht mehr beim Uhrmacher ihres Vertrauens abgeben und warten lassen können, sondern nur noch direkt in konzerneigenen Service-Zentren oder vom Hersteller zertifizierten Fachhändlern.

Das heißt letztlich nichts anderes, dass der erfahrene Uhrmacher mit seinem kleinem Ladengeschäft vor Ort von einer bislang reibungslos funktionierenden Ersatzteilversorgung abgeschnitten wird, da er ab sofort weder vom Hersteller direkt noch über den Großhandel die dringend benötigten Teile beziehen kann.

Das bedeutet aber auch, dass mangels Ersatzteile selbst einfachere Reparaturen, wie der Austausch eines Lagers, der Tausch einer Aufzugswelle, oder der Wechsel eines defekten Uhrglases, nicht mehr vor Ort beim Uhrmacher an der Ecke, sondern eben nur noch in einem Service-Center oder bei einem entsprechend zertifizierten, dann aber markengebundenen Fachhändler erfolgen können. Was in der Automobilindustrie undenkbar ist, weil vom Gesetzgeber untersagt wurde, kann hier munter ausgelebt werden.

Man bedenke: beim Automobil handelt es sich um ein hochgradig sicherheitsrelevantes Konsumgut, dessen einwandfreie Funktion über Leib und Leben entscheiden kann. Bei einer Uhr ist das etwas anders gelagert und weit weniger kritisch. Im schlimmsten Fall bleibt das gute Stück einfach stehen. Dann liest der Träger einer Uhr die Zeit eben auf dem Smartphone ab. Wenn die Batterie beim Quartzwerk erschöpft ist, passiert genau dasselbe und es regt sich kaum jemand darüber auf. Es versagen hier weder ein Airbag noch die Bremsen, noch ein sicherheitsrelevantes Regelsystem.

Insofern legt die Argumentation der Hersteller doch den Verdacht nahe, dass hier der Verbraucher einmal mehr zur Kasse gebeten soll, da zumeist ja nicht nur die beschädigte Krone oder das verkratzte Glas gewechselt, sondern gleich eine Komplettrevision mit verkauft wird und der Berufsstand der unabhängigen und freien Uhrmacher langsam aber sicher ausgetrocknet wird. Hatten wir das nicht schon einmal? Stimmt in den 1980er Jahren; aber das ist ja schon lange her und der Hintergrund war damals schließlich ja auch ein anderer.

Verwunderlich, dass hier die Verbände im In- und Ausland sich nicht schon längst zusammen tun und gegen diese Politik der gewollten Verknappung Sturm laufen. Die Kartellbehörden scheinen damit kein allzu großes Problem zu haben, da eine entsprechende Petition nach rund 10-jähriger Prüfung – die überaus dynamische EU lässt grüßen – mit der Begründung abgewiesen wurde, dieses Thema wäre weder von allgemeinem Interesse, noch könnte eine marktbeherrschende Stellung festgestellt werden. Die Swatch Group hat nunmehr freie Fahrt.

Also bleibt letztlich nur noch die Macht des Verbrauchers, dieser Vorgehensweise Einhalt zu gebieten. Ein in England beheimatetes Uhrmacherforum ruft bereits alle Käufer offen zum Boykott von Uhren der Swatch Group auf und selbiges Forum berichtet dann auch noch über die angeblich zweifelhafte Qualität von Original Ersatzteilen von Omega.

Das ist wahrlich kein guter Start in ein ohnehin schwieriges Jahr. Welche Alternativen bieten sich dem Handel und dem Kunden?

Der Kunde sollte sich vor einem Neukauf künftig vorab über die uneingeschränkte Verfügbarkeit von Ersatzteilen informieren und sich das ggfs. auch schriftlich bestätigen lassen und dann eben auf Hersteller ausweichen, die dieses Spiel so nicht spielen.

Die große Marktpräsenz gängiger Kaliber aus dem Hause ETA lässt sicher auf längere Zeit noch Restbestände an Ersatzteilen erwarten.

Letztlich wird aber der Tag kommen, ab dem es dann wirklich knapp werden wird. Dann aber werden vermutlich die chinesischen Hersteller von ETA Clones die Qualität ihrer Produkte soweit im Griff haben, dass Ersatzteile oder komplette Austauschwerke ohne Bedenken von dort bezogen werden können.

Dichtungen, Gläser und Kronen sind ja bereits heute oftmals von Drittherstellern zu beziehen.

Für das Uhrmacherhandwerk – und zwar unabhängig ob in Deutschland, in der Schweiz, oder sonst wo – ist dies kein Ruhmesblatt und eine ungewisse Zukunft. Was soll man/frau den jungen Leuten empfehlen, wenn sie sich für eine Ausbildung zum Uhmacher interessieren? Da wird die Luft zumindest in diese Richtung dünn und die guten Argumente weniger.

Schöne Neue Welt!

 

Die Gespräche führte Herr Dipl.-Ing. (FH) Patrick Weigert
Er ist als Geschäftsführer einer Unternehmensberatungsgesellschaft u.a. für die Automobil- und Luxusgüterindustrie tätig und beobachtet und analysiert als Mitbegründer und Gesellschafter beim Deutschen Uhrenportal die Entwicklungen und Trends auf dem Sektor hochwertiger Uhren und neue Technologien.

 

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3 thoughts on “INHORGENTA 2016: Die Einschränkungen in der Ersatzteilversorgung und ihre Auswirkungen

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