Die EPHJ ist nach eigenen Angaben weltweit die bedeutendste Zulieferermesse für die Uhrmacher- und Uhrentechnologie und dieser Form einzigartig. Für das Deutsche Uhrenportal Grund genug, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und zu sehen, wer ist wer in der Uhren- und Zulieferbranche.

 

 

Über 800 Ausstellern standen etwa 20.000 Fachbesucher gegenüber. Der Veranstalter war in einem insgesamt schwierigen Umfeld aber sehr zufrieden und sprach von moderaten Steigerungen gegenüber den Vorjahr.

Die Aussteller deckten die volle Bandbreite der Uhrenherstellung ab. Vom Anbieter von Konstruktions-, Berechnungs- und Simulationstools, über Dienstleister, die entwickeln und/oder produzieren, vom Maschinen- und Werkzeughersteller bis zum Komponenten- und Lohnfertiger war das gesamte Spektrum der Prozesskette vertreten. In Genf wird denn auch deutlich, wo der Hammer in Sachen Uhrenbau hängt. Zwar macht auch der deutsche Uhrenbau in den letzten Jahren große Fortschritte, aber bezeichnenderweise waren bis auf wenige, allerdings sehr positive Ausnahmen, kaum Zulieferer oder Dienstleister aus Deutschland vertreten; dazu aber noch später.

 

 

Neben einem allgemeinen Überblick diente uns der Besuch aber auch dazu, die Gesamtsituation zu eruieren und einige thematische Schwerpunkte zu setzen.

Die Tatsache, dass die Messe mittlerweile auch einen wachsenden Anteil an Medizintechnik abdeckt, darf unter anderem als Indiz dafür gewertet werden, dass, sollte irgendwann der Tag kommen, dass die extrem teuren Fertigungsautomaten für die Produktion von Hochpräzisionsteilen für die Uhrenindustrie in hohen Stückzahlen nicht mehr voll auszulasten sind, eben auch andere, mindestens ebenso anspruchsvolle Produkte, wie z.B. Implantate, darauf gefertigt werden können. Der ein oder andere Lohnfertiger gibt schon heute zu verstehen, dass er nicht mehr nur auf ein Pferd setzt und es den meisten der 3-, 5- oder gar 7-Achsen Fräszentren völlig einerlei ist, welches Produkt darauf bearbeitet wird. Allein die Präzision, die Geschwindigkeit und die Rüstzeiten sind das Maß der Dinge.

 

 

Der Wolf im Schafspelz ist hierbei der deutsche Maschinenhersteller Lehmann-Präzision aus Hardt im Schwarzwald. Der Inhaber, Markus Lehmann, ein umtriebiger Tüftler und Geschäftsmann, ist bekanntlich auch Gründer und Inhaber von Lehmann-Uhren in Schramberg und dem ein oder anderen von dieser Seite vermutlich besser bekannt. Was die Bearbeitungszentren aus dem Hause Lehmann zu leisten imstande sind, ist durchaus bemerkenswert.

 

 

Die Genauigkeit, mit der Werkstücke gefertigt werden können, liegt nahezu eine 10er Potenz höher als dies der Branchendurchschnitt bieten kann. Hier ist dann tatsächlich jedes noch so kleine Detail von allergrößter Bedeutung. Das ist schon ein Wort und führte letztlich dazu, dass Lehmann eben vorzugsweise die Schweizer Top-Marken mit seinen Geräten und Maschinen beliefert. Dass er dann noch, fast nebenbei, auch seine eigenen Uhren fertigt, ist erstaunlich, aber logisch zugleich.

 

 

Die anderen Maschinenhersteller, ob Almac, Tornos, Bumotec, Citizen oder Agie hatten natürlich auch alle was zu bieten und stellten aus, was gut und teuer ist.

Da die Lohnstückkosten in der Schweiz durch die Freigabe des Frankenwechselkurses zum Euro im Januar diesen Jahres von einem Tag auf den anderen um 10 – 15% gestiegen sind, trifft es so manchen Produzenten hart und unerwartet. Da muss jetzt alles umgedreht und neu bewertet werden. Die Maschinenhersteller haben somit auch den klaren Auftrag, ihre Gerätschaften auf noch höhere Effizienz zu trimmen. Die Bereitschaft des Endkunden, die seit Jahren währenden Preiserhöhungen weiterhin ungestraft zu übernehmen, ist in vielen Märkten erschöpft. Also müssen jetzt stattdessen die Kosten um das entsprechende Maß reduziert werden, soll der Gewinn nicht völlig dahinschmelzen, oder gar die Verlustzone durchschritten werden. Das schmerzt natürlich heftig.

 

 

Das war denn auch der Grundtenor auf der Messe, die großen Uhrenhersteller geben den Druck, wie in jeder Branche, erst einmal an ihre Vorlieferanten weiter. Dennoch war die Stimmung insgesamt aufgehellt bis freundlich.

Ein weiteres für uns spannendes Thema waren die Modulhersteller. Viele Uhren sind heute mit Zusatzfunktionen, sog. Komplikationen, ausgestattet, die häufig dadurch realisiert werden, dass grundsolide und in hohen Stückzahlen gefertigte Standardwerke mit Zusatzmodulen versehen und aufgerüstet werden, welche z.B. zusätzliche Kalenderfunktionen, retrograde Anzeigen, oder gar komplexe Chronographenfunktionen hinzufügen und dem Standarduhrwerk den gewünschten Grad an Komplexität verleihen.

Einer der sicherlich bekanntesten Hersteller solcher Zusatzmodule ist Dubois Depraz. Bei Dubois Depraz sind hunderte verschiedener Zusatzmodule in Produktion. Zum Teil als Standard-Modul, für jeden Kunden gleichermaßen verfügbar, aber auch kundenspezifische Lösungen, deren exklusive Verwendung dann allein Sache des Auftraggebers ist.

 

 

Als Basiswerke verwendet Dubois-Dépraz überwiegend die Modelle ETA 2824 bzw. Sellita SW200 und ETA 2892 bzw. Sellita SW300, aber auch vermehrt Soprod A10.

 

 

Die Frage nach der Verfügbarkeit von Uhrwerksteilen, insbesondere auch der Hemmungsbaugruppe, bewerten und beantworten viele Uhrenhersteller recht unterschiedlich. Die einen gehen davon aus, dass die gezielten Verknappungen der Swatch-Group sie nicht betreffen, oder von vorübergehender Natur sind, die anderen versuchen sich das Know-How selbst anzueignen und erhöhen die Fertigungstiefe entsprechend und wieder andere sehen sich nach Alternativlieferanten um.

 

 

Dazu zählen z.B. die auf der Messe vertreten Firmen Atokalpa (zur Sandoz Gruppe gehörend), im nördlichen Schweizer Jura gelegen, oder die in Grenchen beheimatete Firma Feller Pivotage, die in Sachen Spiralfeder mit dem deutschen Hersteller Carl Haas kooperiert, der seit einigen Monaten auch Nomos mit Spiralfedern für das Nomos eigene Swing-System beliefert.

 

 

Vereinzelt sind im Komponentenbereich auch Anbieter und Hersteller aus Frankreich anzutreffen. So z.B. die Firma La Pratique, welche qualitativ hochwertige Zeiger für eine Vielzahl bekannter Uhrenhersteller fertigt, darunter auch der ebenfalls in Frankreich ansässige Hersteller Pequignet, den wir unlängst besuchten.

Einen mindestens ebenso interessanten Hersteller für Gehäuse trafen wir bei Swiss Conception SA an.

 

 

SCSA fertigt neben konventionellen Gehäusen und Armbändern aus hochwertigem Edelstahl auch solche mit Goldbeschichtung. Im Unterschied zu den bekannten Verfahren, wie elektrolytisches Vergolden oder gesputterten PVD-Beschichtungen, geht SCSA den innovativen Weg, das Gold in wesentlich höheren Schichtstärken, nämlich in Form von Plattgold, mechanisch aufzuwalzen und die Werkstoffe Stahl und Gold über eine Art Klebetechnik dauerhaft miteinander zu verbinden.

 

 

Die Abriebbeständigkeit liegt wegen der ungleich höheren Materialdicke auf einem völlig anderen Niveau und spielt damit im praktischen Gebrauch so gut wie keine Rolle mehr. Die Produkteigenschaften kommen dem von Massivgold nahe.

Ebenfalls vertreten waren einige Hersteller von Armbändern und Schließen. Darunter auch die deutsche Firma Staib aus Pforzheim, welche vornehmlich die wieder stark gefragten Milanaisebänder produziert.

 

 

Aber auch weitere bekannte Marken, wie Bonetto oder Morelatto (beide Italien) bzw. Hirsch (Österreich).

 

 

Einen aus unserer Sicht überaus bemerkenswerten Ansatz hat dabei der Schweizer Hersteller Cornu & Cie aus La Chaux de Fonds vorgestellt.

 

 

Cornu & Cie bekannt als Zulieferer hochwertigster Schließen für Premium-Marken, hat sich intensiv mit der Fragestellung auseinandergesetzt, wie der Trend zur Digitalisierung und Vernetzung im Uhrenbereich so gestaltet werden kann, dass die klassische mechanische Uhr erhalten bleibt und die vom Uhrenträger jedoch immer stärker geforderten Zusatzfunktionen in Form miniaturisierter Elektronik in die Schließe integriert werden können.

 

 

Der auf der Messe vorgestellte Prototyp ist dabei so gestaltet, dass das Funktionsmodul ganz nach Bedarf an die Dorn- oder wahlweise auch Faltschließe angesteckt oder auch abgenommen werden kann, ganz nach Belieben des Nutzers.

 

 

Noch nicht ganz klar ist jedoch die Projektrealisierung, da hierzu u.a. ein passender Partner aus der Elektronik- und IT-Branche erforderlich sein wird.

Dies könnte eventuell die Firma Meta-Watch aus Dallas, Texas sein. Das vor etlichen Jahren von zwei ehemaligen Fossil-Managern gegründete Unternehmen präsentierte sich ebenfalls in Genf und wird in Kürze ein Büro in der Schweiz eröffnen, um die Schweizer Uhrenindustrie bedarfsorientiert bei Neuentwicklungen im Bereich smarter Funktionen zu unterstützen.

 

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich bei der EPHJ um eine absolut hochklassige Messe handelt, die eindrucksvoll zeigt, welche Schlagkraft die Schweizer Uhrenindustrie besitzt, gleichzeitig aber auch vor Augen führt, dass überall mit Wasser gekocht wird, wenngleich mancherorts mit sehr reinem. Gleichzeitig erkennt aber auch die Zulieferindustrie – zumindest ansatzweise – dass ein Wandel eingesetzt hat, der neue Denk- und Handlungsweisen zwingend erfordert.

 

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