Ein Spezialthema, auf der Baselworld 2015, vom Veranstalter zwar offiziell nicht aktiv beworben, aber dennoch präsent und Gesprächsthema auf vielen Ständen, die „Smartwatch“. Allein der Begriff als solcher sorgte schon für reichlich Gesprächsstoff. Was ist denn nun smart, oder weniger smart oder gar nicht smart? Viele Fragen, nur wenige belastbare Antworten. Sind nur Uhren mit Display smart, oder können auch analog anzeigende Uhren smart sein?

 

 

Wir haben dann schon eher ein wenig provokant die Frage in den Raum gestellt, ob nicht auch eine komplexe mechanische Uhr smart sein kann? Smart bedeutet ja nichts anderes als intelligent. Und eine aufwendige mechanische Uhr, wie z.B. die gerade in Basel vorgestellte „Grandmaster Chime“ von Patek Philippe ist demnach ganz sicher auch smart, deutlich smarter als jede mit Display ausgestatte elektronische Uhr.

 


Bild: Patek Philippe Grandmaster Chime

 

So kommen wir also nicht weiter. Wir haben deshalb einen anderen, deutlich präziseren Arbeitstitel gewählt und uns nach sogenannten Connected Watches oder Connected Movements umgesehen. Was bedeutet aber nun Connected?

Die Uhr wird in aller Regel via Bluetooth 4.0 (das ist die neueste stromsparende Version) mit dem Smartphone verbunden. Das Smartphone sendet Befehle an die Uhr, die Uhr kann aber auch Befehle an das Smartphone senden. In selteneren Fällen (bei der Apple Watch wird das so sein) funktioniert das alternativ auch per WLAN. Eine entsprechende App auf dem Smartphone bildet dabei die Schaltzentrale. Master und Slave sozusagen; das ist die Logik der meisten derzeit angebotenen Connected Watches. Es gibt auch bereits Modelle mit eigenem 2G oder sogar 3G Interface und integrierter SIM-Karte, damit machen sich die Uhren völlig unabhängig vom Smartphone. Ob das jedoch das ist, was der Kunde sucht, ist noch offen. Es wird sich zeigen.

 

 

Connected oder nicht Connected, hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Eine “Grandmaster Chime” kann zwar smart sein, ist eben nicht Connected. Eine “Tissot T-Touch” mag mit ihrem zusätzlichen Display und erweiterten Funktionen auch smart sein, aber ebenfalls nicht Connected. Die Frage, welche von beiden smarter ist, muss nicht mehr beantwortet werden, bzw.  kann nun von jedem für sich selbst beantwortet werden; und die Antwort wird höchst unterschiedlich ausfallen.

Bleiben wir folgerichtig also beim Begriff der Connected Watch. Die Connected Watch zeigt neben vielen möglichen und zukünftig noch denkbaren Funktionen selbstverständlich auch die Zeit an. Sie bekommt diese ja als Information vom Smartphone übermittelt. Das bedeutet aber auch, dass wir alles, was sich am Handgelenk befindet und u.a. die Zeit anzeigt, damit als Uhr bezeichnen können. Die “Grandmaster Chime” ist schließlich ja auch eine Uhr, obwohl auch sie viel mehr kann, als nur die Zeit anzuzeigen, auf mechanischem Wege eben und nicht Connected.

Also ist gemäß dieser Definition auch die Apple Watch, mit deren Auslieferung der High Tech Konzern aus Cupertino im sonnigen Kalifornien am 24. April beginnt, ebenfalls eine Uhr, aber eine Connected Watch eben.

Begibt man/frau sich auf die Suche nach Connected Watches, so wird man/frau auch auf der Baselworld 2015 fündig. Das ist die gute Nachricht. Man/frau muss sich also nicht zwingend nach Las Vegas zur CES (Consumer Electronic Show) oder nach Barcelona zum MWC (Mobile World Congress) reisen, um die ganzen Neuheiten zum Thema Connected Watch von den Mega-Multis aus der IT-Szene, allen voran Apple, Samsung, Sony oder LG, präsentiert zu bekommen. Nein, auch die traditionellen, uns gut vertrauten Uhrenhersteller kommen langsam aber sicher aus der Deckung und finden Gefallen daran, insbesondere den jüngeren Käuferschichten etwas anbieten zu können, was mit den Electronic Gadgets mindestens mithalten kann.

Zudem haben die traditionellen Uhrenhersteller noch einen ganz entscheidenden Trumpf in der Tasche, sie bieten nämlich nicht nur hochwertige Technik, sondern auch hochwertiges Design und in vielen Fällen auch Marke und damit Image. Klingt es nicht besser, zu sagen – von Apple einmal abgesehen – ich trage eine Breitling oder TAG Heuer, als ich trage eine Samsung oder eine Huawei. Sie können zum Auto fahren natürlich einen Dacia nehmen, da kommen sie problemlos von A nach B, sie können das aber auch mit einem Audi, BMW, Mercedes oder Jaguar erledigen, nicht zuletzt eine Frage des Geschmacks, der Markenaffinität und des Geldbeutels, siehe oben.

 


Bild: Messestand von TAG Heuer

 

Und dann gibt es noch einen Trumpf. Die traditionellen Uhrenhersteller haben als Vertriebskanal den Fachhandel, ein unschätzbarer Vorteil. Oder gehen Sie zum Media-Markt ihres Vertrauens, wenn sie ein neues Band für Ihre Uhr haben oder ein vorhandenes auf Ihren Armumfang angepasst haben möchten? Das wird nicht funktionieren. Das Personal ist dafür nicht ausgebildet und sicherlich überfordert. Da wird auch Apple noch einiges an Lehrgeld bezahlen. Ein Device zu verkaufen und Service dafür zu bieten, welches der Kunde am Körper trägt, ist eine völlig andere Dimension, als etwas, was ich in die Tasche stecke oder auf den Tisch lege.

Was stellten nun die uns bekannten Firmen und auch ein paar Neuankömmlinge auf der Baselworld 2015 vor und was sind die wesentlichen Funktionen und Argumente, mit denen die Firmen ihre neuen Produkte bewerben und gegen die traditionellen Uhren abgrenzen?

Bulgari stellt eine optisch weitgehend konventionelle mechanische Uhr vor. Die DIAGONO Magnesium Concept Watch hat es aber in sich. Sie besitzt neben ihrem hochpräzisen mechanischen Werk zusätzlich einen Chip für Near Field Communication (NFC). Damit eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten im Bereich der Sicherheitstechnik, sei es der künftige bargeldlose Zahlungsverkehr oder Zutrittskontrollsysteme, die per NFC die entsprechende Berechtigung abfragen.

 

Video: Bulgari DIAGONO Magnesium

 

Breitling geht mit der B55 in die Offensive und bietet neben der Möglichkeit, das Uhrwerk und somit die Zeitanzeige vom Smartphone synchronisieren zu lassen, quasi als Abfallprodukt auch die sofortige Umstellung auf die jeweilige Ortszeit, im Falle des Wechsels der Zeitzone, sobald das Smartphone sich ins örtliche Netz eingebucht hat. Zusätzlich erfolgen die Einstellung von Alarmzeiten, weiterer Anzeige- und Funktionsparameter, wie Nachtmodus und vieles mehr, nun ganz bequem über das Smartphone. Im Gegenzug lassen sich verschiedene Messergebnisse, zum Beispiel Flugzeiten, vom Chronograph auf das Smartphone übertragen, um sie dort zu speichern, besser lesen und auswerten oder bei Bedarf weiterleiten zu können.

 

Video: Breitling B55

 

Casio beschreitet mit der bereits 2014 eingeführten und auf dem Markt bereits sehr erfolgreich positionierten EQB-500 einen ganz ähnlichen Weg. Zusätzlich verfügt die Casio über eingebaute Solarzellen, die sich um die Stromversorgung kümmern. Eine echt starke Leistung vor dem Hintergrund der immer wieder geführten Diskussion um die Laufzeiten irgendwelcher, mehr oder weniger schwach dimensionierter Akkus.

 

Bild und Video: Casio EQB-500

 

 

Sowohl die Breitling wie auch die Casio sehen nach Uhr und nicht nach Kleincomputer am Handgelenk aus, obgleich sie mit jeder Menge Intelligenz ausgestattet und somit ohne jeden Zweifel smart sind.

Auch Frederique Constant, die feine Uhrenmanufaktur aus Genf, tritt auf die Bühne und bietet die sogenannte Horological Smartwatch an. Eine Uhr, die ebenfalls Connected, also mit dem Smartphone per Bluetooth verbunden ist, dabei aber den Schwerpunkt neben der Zeitsynchronisation auf das Erfassen von Fitnessdaten legt. Die Frederique Constant sieht auf den ersten Blick ebenfalls wie eine ganz normale Uhr aus; aber auch diese Uhr hat es in sich. Über ein kleines Hilfszifferblatt bei 6 Uhr können Zusatzfunktionen, wie die tägliche Aktivität, zur Anzeige gebracht werden. Dazu arbeitet Frederique Constant mit der Firma Fullpower aus Kalifornien zusammen, jenem Unternehmen, welches für so bekannte Namen, wie Nike oder Jawbone, die Sensorik und den Algorithmus für die Erfassung und Auswertung von Fitnessdaten entwickelt hat.

 

 

 

Bilder und Video: Frederique Constant

 

Die Marke Alpina, ein Tochterunternehmen von Frederique Constant, wartet mit identischer Technologie, aber anderem, mehr sportiven Design auf.

Mondaine, bekannt für Armbanduhren im Stil von Bahnhofsuhren, stellt ebenfalls ein nahezu identisches Produkt vor. Auch nicht verwunderlich, ist Frederique Constant doch daran interessiert, seine Technologie auch anderen Herstellern zur Verfügung zu stellen.

 

 

Bilder: Mondaine

 

Withings, der aus Frankreich stammende Neuankömmling und Quereinsteiger kommt eigentlich aus der Medizintechnik und bringt mit seiner Withings Activité nun eine Armbanduhr auf den Markt, die neben analoger, mit dem Smartphone gekoppelter Zeitanzeige, zusätzlich das Thema Erfassung der täglichen Aktivität und die Überwachung des Schlafes als wichtigen Baustein eines gesunden Tagesablaufs übernimmt. Über eine Zusatzanzeige wird die Zielerreichung prozentual und analog per Zeiger angezeigt. Eine komfortable Smartphone App bietet zudem alle Möglichkeiten der Konfiguration und Datenspeicherung sowie -auswertung.

 

 

 

 

Bilder und Video: Withings Activité

 

SOPROD, der zur Festina Gruppe gehörende, aber dennoch als unabhängiger Hersteller hochwertiger Quartz- und Mechanik-Werke bekannte Partner der Uhrenindustrie präsentierte das Kaliber SOP B915, welches mit bis zu 6 Schrittmotore bestückt werden kann und neben der Zeit verschiedene andere Informationen analog zur Anzeige bringen kann.

Bild: SOPROD B915 Bluetooth

 

Der mehr im Fashion-Bereich angesiedelte Hersteller Guess stellt eine smarte Connected Watch vor, die ebenfalls mehr einer konventionellen und dabei trendig gestylten Uhr, denn einer Connected Watch, gleicht. Auch hier, konventionelles Zifferblatt, aber mit autonomen Quarzwerk, welches nicht mit dem Phone gekoppelt ist, dafür jedoch ein integriertes Zusatzmodul besitzt, das über ein kleines, im unteren Teil des Zifferblattes befindliches Display Informationen vom Smartphone übertragen kann. Im Vordergrund steht hier nicht das Fitnesstracking, welches die Uhr (leider) nicht bietet, sondern die Anzeige von Nachrichten, wie SMS, Whatsapp, E-Mails, Facebook, Twitter, etc. als durchlaufenden Text. Das Ganze ist frei konfigurierbar und zusätzlich kann – und das funktioniert ganz hervorragend – das Smartphone per Sprachbefehl gesteuert werden, ohne es z.B. aus der Handtasche zu nehmen. Für die Damen der Schöpfung ein nicht unwichtiges Feature.

 

 

 

Bilder: Guess Connected

 

Die Präsentation von Fossil im Stammhaus in Basel, unweit der Messe, war geprägt von einer großen Markenvielfalt bei extrem professioneller und messerscharfer Positionierung.

 

Das Thema Connected Watch wurde zum offiziellen Pressetermin wohl angesprochen, jedoch noch nicht vertieft. Auf Nachfrage war jedoch schon so viel zu erfahren, dass sich Fossil, ähnlich TAG Heuer, zusammen mit Intel und Google in einer bereits länger laufenden Kooperation befindet, jedoch eine andere, skalierbare technische Plattform nutzen wird. Skalierbar deshalb, da Fossil ein ganzes Feuerwerk an Wearables und Smartwatches, beginnend mit Spätherbst 2015 auf den Markt bringen wird. Die verschiedenen Marken werden Zug um Zug auf die neue Technologie eingeschworen, jedoch mit unterschiedlichen Ausprägungen.

 

 

Bilder: Fossil Markenportfolio

 

Das in der Schweiz ansässige Start-Up MyKronoz nutzte die Baselworld, um ihr ganzes Spektrum intelligenter Produkte zu präsentieren. Vom Fitnessarmband über die Smartwatch, die per Bluetooth mit dem Smartphone verbunden ist, bis hin zu autark mit eigener SIM-Karte ausgestatteten kleinen Mini-Telefonen am Handgelenk wird nahezu alles angeboten. Die Produkte sind in Ihrer Preisgestaltung vergleichsweise günstig und wettbewerbsfähig positioniert.

 

 

Bilder: MyKronoz Produktpalette

 

Ein interessantes, weil bis dato noch weitgehend unbekanntes Unternehmen nutzte die Baselworld 2015, um abseits des Messegeländes, am Badischen Bahnhof, seine neueste Entwicklung vorzustellen. Vector, das vom ehemaligen TIMEX CEO gegründete und in London registrierte Unternehmen, stellte eine mit Display ausgestattete Connected Watch vor, die mit einer Laufzeit des Akkus von bis zu 30 Tagen punkten kann und das bei permanent aktiver Anzeige.

Video: Vector Smart Watch

 

Als Novum darf auch gelten, dass Vectro alle gängigen Betriebssysteme unterstützen wird, Apple iOS, Google Android und sogar Microsoft Windows.

 

Die New Yorker Modemarke Kenneth Cole lud mit einem flippig aufgemachten Stand zum Besuch ein. Die mit Display ausgestatteten Smartwatches bringen wichtige Informationen in großen, gut lesbaren Symbolen und Lettern auf das Display der stylischen Watch.

 

 

Bilder: Kenneth Cole

 

Gucci als Nobelmarke im Fashion-Bereich geht das Thema Wearables ebenfalls aktiv an und hat zusammen mit dem Sänger Will I.Am das Projekt einer eigenen Smartwatch auf den Weg gebracht. Das Gerät soll unabhängig vom Smartphone als eigenständiges Device arbeiten und eine Vielzahl von Funktionen bieten, quasi ein Smartphone am Handgelenk.

Video: Gucci Präsentation

 

Der perfekte Show-Down wurde aber zum Pressetermin am Stand von TAG Heuer eingeleitet. Der als Visionär bekannte CEO und Chef der Uhrensparte von LVMH, Jean-Claude Biver, gab die Kooperation von TAG Heuer mit Intel und Google bekannt. Auf dieser Grundlage soll noch bis Jahresende eine Smartwatch entstehen und vorgestellt werden, die es mit der Apple Watch auf Augenhöhe aufnehmen soll. Der Name TAG Heuer wird dabei als Zugpferd dienen und ebenso große Begehrlichkeit wecken, wie die in Kürze erscheinende Smartwatch von Apple.

 

 

Video: TAG Heuer Pressekonferenz mit CEO, Jean-Claude Biver

 

Die Firmen Citizen und Seiko arbeiten nach eigenen Angaben ebenfalls an dem Thema Connected Watch, sind aber noch nicht soweit, etwas Offizielles kommunizieren zu können. Insbesondere bei Citizen blickt man etwas neidvoll auf den Mitbewerber Casio, der in diesem Punkt die Nase erfolgreich vorne hat.

Die Antworten auf unsere Nachfrage bei deutschen Uhrenherstellern war ebenfalls eher von Zurückhaltung und abwartender Position geprägt.

So bleibt also festzuhalten, dass das Thema Smartwatch von den offiziellen Stellen der Baselworld 2015 zwar als (noch) wenig bedeutsam eingestuft wurde, aber die Tatsache, dass selbst die als eher konservativ bekannte traditionelle Uhrenindustrie an der ein oder anderen Stelle bereits vielversprechende und durchaus nützliche Produkte vorstellte oder zumindest ankündigte, lässt erahnen, welch immenser Druck auf diesem Thema im Generellen lastet. Nicht umsonst wurde an der ein oder anderen Stelle das Jahr 2015 bereits als das der Smartwatch ausgerufen. Wir gehen auch in diesem Punkt wieder auf unsere Definition zurück, der Connected Watches. Alles was nicht Connected ist, wird mittel- und längerfristig Probleme bekommen. Wir stehen hier einem Wandel bevor, der vergleichbar ist, mit dem von der analogen zur digitalen Fotografie, oder dem zur Zeit der Quarzkrise, wie es Elmar Mock, der geniale Entwickler der Swatch in einem Interview im Vorfeld der Baselworld 2015 unlängst auf den Punkt brachte

Umso spannender wird die Baselworld 2016. Zu diesem Zeitpunkt ist die Apple Watch bereits Stand der Technik. Wir werden dann besser als heute beurteilen können, wie und ob sich der Markt um dieses neue Produkt dreht und wie rasch die Veränderungen tatsächlich vonstatten gehen. Die Frage, ob eher die konservativen oder die mehr visionären Gruppierungen und Entscheidungsträger Recht behalten, die bereits auf den fahrenden Zug aufgesprungen sind, lässt sich dann wieder ein Stück konkreter beantworten.

 

 

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